Ein Blick auf die Opfer der Systemfehler!

Na klar gibt es, auch in diesem hoch gepriesenen Gesundheitssystem Systemopfer. Das sind vor allem die Menschen, die wirklich krank sind und pl├Âtzlich entdecken, welche teilweise v├Âllig abstrusen politischen Rahmenbedingungen sie ausgeliefert sind. Dieser Tage wieder begegnete ich einer jungen, h├╝bschen, modernen Frau, die von heute auf morgen aus einer Toppstellung im Bildungswesen gerissen wurde, weil sie Opfer eines Unfalls wurde und sich quasi ├╝ber Nacht im Rollstuhl wiederfand. Alles in ihr rebellierte gegen dieses Schicksal. Sie hatte nur einen Wunsch: Trotz ihrer Behinderung wollte sie so schnell als m├Âglich wieder ihren Job aufnehmen. Statt sinnvollen, praktischen, pragmatischen Beistand zu erfahren, wie sie ihn unmittelbar nach dem Unfall von Pflegern und ├ärzten ├╝brigens auf ├╝berw├Ąltigend positive Weise erlebt hatte, fand sie sich pl├Âtzlich in einem Krieg vor ÔÇô einem absurden Stellungs-, Busch-, und Kleinkrieg mit der Krankenkasse, dem Versorgungsamt und vielen anderen Dienststellen. ├ťber Wochen hin wurde eine Art Papierblockade um sie herum errichtet. Sollte sie kuschen, tricksen, Widerstand leisten, protestieren, drohen, vorgesetzte Dienststellen einschalten? Um das N├Âtigste musste sie f├Ârmlich betteln, was sie als entw├╝rdigend empfand, weshalb sie verschiedene Hilfsmittel, die ihr dem Papier nach zustanden, kurzerhand aus der eigenen Tasche bezahlte. Andererseits wurde sie mit Leistungen ├╝berh├Ąuft und mit b├╝rokratischer Gewalt zur Annahme therapeutischer Ma├čnahmen gezwungen, die sie gar nicht brauchte. Das Fazit dieser klugen und aktiven Frau: ÔÇ×Manchmal bin ich in Tr├Ąnen ausgebrochen, nicht weil es mir so schlecht ging, ich bin hart im Nehmen. Nein, weil sie es einfach mit mir machten!ÔÇť

 
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Fortsetzung 21: “Wer bekommt zu Recht unser Geld?”

Die Hauptfrage ist: Was geht mich die Krankheit eines anderen Menschen an? Nach dem tragischen Skiunfall des deutschen Rennfahrers Michael Schumacher kam eine Frage auf: Sollten sich nicht Leute mit solchen gef├Ąhrlichen Hobbys extra versichern, damit die Kasse das nicht zahlen muss? Pl├Âtzlich diskutieren wir dar├╝ber, was das Solidarsystem nicht bezahlen sollte. Diesen Streit gibt es nicht nur ├╝ber Michael Schumacher, der sicherlich nicht Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung ist. Was ist aber mit den Rauchern? Sie schaden ihrer eigenen Gesundheit jahrelang und sind sich der Konsequenzen bewusst mittlerweile schreit es ihnen jede Zigarettenschachtel in gro├čen Buchstaben entgegen! Muss dann die Gemeinschaft daf├╝r aufkommen, dass sie im Alter Krebs oder in einer teuren Operation ihre Beine amputiert bekommen.

Was ist mit den Dicken? Wenn die sich nicht zusammenrei├čen und nicht genug bewegen, was kann die Gemeinschaft daf├╝r? Das habe ich ├╝brigens schon oft von ├ärzten geh├Ârt: ┬źWer so fett ist, soll selbst zahlen! Wenn die wegen ihrer Fettsucht kommen, sollen sie individuelle Gesundheitsleistungen kaufen!┬╗ Nicht nur in einem Fall kamen die Ideen von massiven Bierbauchtr├Ągern. Machen wir weiter: Was ist mit Menschen mit Aids? Bluthochdruck? Malaria? H├Ątten die nicht besser auf sich aufpassen k├Ânnen?

Schlie├člich sind die verantwortungsbewussten Mitglieder des Gesundheitssystems ja die, die in ihrem Bonusheft Stempel vom Fitnessstudio und Sportverein und einen vorbildlichen Body-Mass-Index haben. Die geben sich M├╝he, nichts zu kosten, und die Kassen belohnen das. Aber bekommen dann diejenigen zu Recht Geld, die unverantwortlich waren? Wer hat es verdient, so viel Geld aus diesem Topf zu bekommen, wie n├žtig ist? Die Diskussion wird gef├╝hrt, und sie ist eine gef├Ąhrliche Diskussion! Wer ist denn ein Richter, ├╝ber diese Frage zu entscheiden? Niemand, aber es richten alle, wenn es um fremde Krankheiten geht, und so stigmatisieren wir Menschen!

Wir sagen: ┬źDu bist zu dick┬╗, meinen aber: ┬źDu bist zu teuer!┬╗ Wer f├╝hrt hier die Manipulationsrhetorik? Und nach welchem Ma├čstab richten wir uns da aus? Der Markt im Gesundheitssystem hat unser Denken schon so herumgerissen wie ein Magnet die Kompassnadel. Die Priorit├Ąten verschieben sich: Es geht nicht mehr um Mitgef├╝hl und Menschenw├╝rde, sondern um den Preis. Und bei der Preisfrage sind alle anderen Werte flie├čend. Eine weitere Geschichte, die mich sehr gepr├Ągt hat und die ich deshalb auch immer erz├Ąhle, ist die einer Familie mit drei behinderten Jungen. Diese Geschichte ist f├╝r mich symptomatisch f├╝r das System.

Da gibt es jemanden, der eine Krankheit hat. Er ist krankenversichert und hat sich darauf verlassen, dass seine Krankenkasse bezahlt. Aber in diesem Fall hat sie die Familie im Stich gelassen. Ich habe die Geschichte auch im Oktober 2013 bei einem Vortrag in Rheinland-Pfalz vor 1200 Leuten thematisiert und eine Reaktion bekommen, die mir Sorgen bereitet. Ich erz├Ąhlte davon, dass die Krankenkassen im Jahr 2009 Ausschreibungen bei Lieferanten von Inkontinenz-Artikeln gestartet hatten, um ├╝ber g├╝nstige Preise ┬źGeld einzusparen┬╗! Der Billigste war am Zug, um den Zuschlag zu bekommen. Auch die Kasse der Familie hat diese Art der ┬źSparma├čnahme┬╗ mitgemacht. Zu diesem Zeitpunkt durfte niemand mehr im Sanit├Ątshaus oder in der Apotheke ein Rezept f├╝r Windeln einl├Âsen. Die Familie war aufgeschmissen!

Die drei Buben waren schon Jugendliche und junge Erwachsene, aber wegen ihrer Behinderung brauchten sie alle Windeln, und pl├Âtzlich gab es im Sanit├Ątshaus keine mehr f├╝r sie. Der neue Lieferant konnte aber erst nach drei Wochen liefern. Und weil sein Angebots-Preis so tief war, musste er das Produkt nat├╝rlich g├╝nstig machen und schnell nachliefern. Sie hat also eine Palette voll mit Windeln f├╝r vier Wochen vor der T├╝r abgestellt. Die Firma hat nach Statistik berechnet, wie viele Windeln drei junge M├Ąnner in dieser Zeit verbrauchen d├╝rfen, und hat diese Einlagen auf eine Palette gepackt und angeliefert.

Aber wo soll eine Familie so viele Windeln unterbringen? Wir hatten damals schon mit ihnen Kontakt, und so haben sie meinen Mann und mich angerufen, weil sie mit dem Windelberg nicht weiterwussten. Mein Mann hat aus dem Baumarkt M├╝llt├╝ten geholt, und wir haben auf der Stra├če die Windeln von der Palette genommen und in die S├Ącke gepackt und so mit vereinten Kr├Ąften die Palette geleert. Dann die Windeln im Zehnerpack verstaut, wo wir in der Wohnung Platz gefunden haben: unterm Bett, hinterm Schrank, den Rest in den M├╝lls├Ącken im Fahrradkeller. Es war August und ziemlich warm, und mein Mann meinte nur in seiner sarkastischen Art: ┬źSchade, dass nicht Winter ist, das w├Ąre eine wunderbare W├Ąrmed├Ąmmung!┬╗ Keine Woche sp├Ąter hat mich die Frau wieder angerufen und uns gebeten, schnell zukommen. Ihre Wohnung sei jetzt unbewohnbar, sagte sie am Telefon. Denn die Windeln seien keine Windeln, sondern w├Ąren wie Plastikt├╝ten, auf die zehn Lagen Papiertaschent├╝cher geklebt wurden. Und jetzt machen sie Riesenprobleme.

Also sind wir wieder ins Allg├Ąu gefahren und haben nach dieser kurzen Zeit die Wohnung nicht mehr wieder erkannt. Alle Sessel und St├╝hle waren eingeh├╝llt in d├╝nne Malerfolie, und in der Wohnung hat es penetrant gestunken. Dann hat die Mutter mir eine Windel gezeigt, und was ich sah, war ein v├Âlliger Wahnsinn! So ein Kerl mit neunzig Kilo, der ganz normal isst, hat einen Stuhlgang, der garantiert nicht von dieser Windel gehalten wird. Vom Urin ganz zu schweigen. Also hat sie mindestens zwei, drei Windeln ├╝bereinander angezogen, um das N├Âtigste zu halten. Aber wenn die Jungs sich hingesetzt haben, dann ist der Inhalt wegen des schlechten Gummis rechts und links rausgelaufen.

Das sind Situationen, die mich gepr├Ągt haben. Am liebsten h├Ątte ich so eine volle Windel genommen, um in die Firma zu fahren und sie denen so lange unter die Nase zu halten, bis sie merken, was f├╝r ein sprichw├Ârtlicher Mist ihr Produkt ist. Nur, wo sollte ich hinfahren? In die Krankenkasse oder in die Firma, die damit ihren Gewinn macht? Oder zu dem Schreibtischt├Ąter, der irgendwo sitzt und ausrechnet, wie viel Stuhlgang solche jungen Kerle haben, ohne sie jemals gesehen zu haben.

Dann habe ich eine Entscheidung getroffen, und wir haben die B├╝rgertreffs in der ganzen Region in Aktion gebracht. Viele Menschen sind in die Apotheken und Sanit├Ątsh├Ąuser gegangen und haben die Leute gebeten, ihre Kunden mit Inkontinenz anzusprechen, dass die sich bei uns melden sollen. Nach zehn Tagen waren es schon so viele, dass wir eine Woche lang die vollen Windeln abgeholt und jeden Morgen bei der jeweiligen Krankenkasse an die T├╝r h├Ąngen konnten. Die regionalen B├╝ros meldeten das an die zentralen Stellen. Und dann tat sich endlich etwas. Eine Firma musste nachr├╝sten, und mittlerweile kann man Rezepte von manchen Kassen auch wieder bei Sanit├Ątsh├Ąusern oder in den Apotheken gegen Windeln einl├Âsen.

Wer war hier der Schn├Ąppchenj├Ąger? Es war die Krankenkasse, weil sie den billigsten Anbieter wollte. Angetrieben durch das Wettbewerbsst├Ąrkungsgesetz der letzten Gro├čen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Da sind wir im Markt und nicht mehr im Solidarsystem. Denn dort h├Ątte die Kasse die Pflicht und Schuldigkeit, nach den Bed├╝rfnissen der Patienten und nicht nach dem billigsten Anbieter zu schauen. Es geht um die W├╝rde der Menschen, und es ist f├╝r mich kein menschenw├╝rdiges Leben, wenn die M├Âbel voller Stuhlgang kleben oder Kranke sich nachts in der nassen Windel wund liegen m├╝ssen!

So weit sind wir schon bereit, die Schwachen den Schn├Ąppchenj├Ągern auszuliefern. Wenige Tage, nachdem ich die Geschichte bei dem Vortrag erz├Ąhlt hatte, bekam ich eine lange E-Mail von einer Zuh├Ârerin. Der Inhalt hat mich wirklich gepl├Ąttet! Sie kam schnell auf den Punkt: ┬źZum Beispiel diese Familie vom Allg├Ąu mit DREI!! behinderten Kindern und den Windeln ÔÇô das war sehr unappetitlich und klang f├╝r mich nach Bildzeitungs-Niveau┬╗, schrieb sie mir. Und weiter: ┬źWarum, frage ich mich, muss eine Frau drei behinderte Kinder zur Welt bringen!?┬╗ Die Frau regte sich also nicht dar├╝ber auf, dass die Kasse eine Familie im Stich gelassen hat, sondern dass die Familie bed├╝rftig war. In ihren Augen unn├Âtigerweise bed├╝rftig. Nach dieser Logik m├╝ssten wir die Kassen mittlerweile daf├╝r loben, dass sie ihre Aufgabe nicht erf├╝llen, weil sie dadurch ja unser Geld sparen! Vielleicht k├Ânnte ja unser Beitrag in Zukunft sinken, wenn wir die unn├Âtig Kranken nicht mehr mitfinanzieren m├╝ssten. Und dazu geh├Âren anscheinend auch Behinderte, denn die h├Ątten unn├Âtigerweise nicht geboren werden m├╝ssen, womit sie nur unser Solidarsystem belasten.

Die Frau schrieb mir weiter:

┬źNach dem ersten behinderten Kind h├Ątte diese gute Frau verh├╝ten m├╝ssen mit gesundem Menschverstand, oder? Sollen wir diesen Wahnsinn mit unseren Beitr├Ągen bezahlen, dass die Asozialen Kinder in die Welt setzen ÔÇô weil es gerade so lustig ist, und der Staat (auch ich) soll daf├╝r mit unseren Beitr├Ągen zahlen?┬╗

Ja, wir zahlen. Wir zahlen f├╝r die Kranken. F├╝r die Leichtsinnigen und die Behinderten. Wir zahlen daf├╝r, weil wir selbst durch Leichtsinn krank oder sogar behindert werden k├Ânnen. Das ist das Solidarsystem. Gerade ist aber jeder dabei, dieses System zu pl├╝ndern. Die Patienten sind eigentlich die, die das verhindern sollten. Weil sie davon profitieren. Aber wir sind Schn├Ąppchenj├Ąger und keine Patienten, und als solche sind wir gerade dabei, uns in die Schlange derer zu stellen, die dieses System ausrauben und abmurksen wollen.

Fortsetzung folgt: ÔÇ×Frau Doktor! Die Kassen sind krank!ÔÇť

 
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Warum ein besserer Rollstuhl? Gel├Ąhmt ist gel├Ąhmt! Fortsetzung 20 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Ich lernte einmal eine junge Frau kennen. Damals war sie Anfang zwanzig. Seit einem Unfall in der Schule sa├č sie im Rollstuhl. Das Modell, das ihr die Kasse gezahlt hatte, war f├╝r sie eine Katastrophe. Sie wohnte in einer Wohnung im zweiten Stock, und solange sie drinnen blieb, gab es keine Probleme. Aber wenn sie vor die T├╝r wollte, musste sie immer jemanden bitten, ihr in den Aufzug zu helfen und sie auf die Stra├če zu schieben. Mit dem Bus fahren war f├╝r sie unm├Âglich. F├╝r all das hatte sie einfach nicht genug Kraft in den Armen. Ich unterst├╝tze ihren Wunsch, dass sie selbst├Ąndig leben kann. Dass sie wieder ein besseres Lebensgef├╝hl findet und unter andere junge Leute kommt. Seit dem Unfall haben sich aber die Kassen gestritten, wer f├╝r sie bezahlen soll. Jahr f├╝r Jahr ging es zwischen der Unfall- und der Krankenkasse hin und her, w├Ąhrend sie isoliert in der Wohnung sa├č. Darum habe ich mich f├╝r die junge Frau engagiert und ihre Geschichte auf einer Veranstaltung meiner Initiative ┬źB├╝rgerschulterschluss┬╗ erz├Ąhlt. Der Effekt war, dass wir auf einmal eine Diskussion hatten und ein pensionierter Beamter mich fragte, ob die mit 23 wirklich so einen teuren elektrischen Rollstuhl brauche. Ich habe gefragt: ┬źWieso denken Sie, weshalb sie ihn nicht braucht? Nicht bekommen sollte?┬╗ ┬źEs gibt ja auch billigere Rollst├╝hle!┬╗, war seine Antwort. Da habe ich gekontert, weil mir fast der Kragen geplatzt ist:

┬źWas macht ihr denn mit euren Bonusheften? Braucht ihr diese Kassenzugaben?┬╗ ┬źFrau Hartwig, ich brauch kein Bonusheft, ich bin privat versichert┬╗, sagte der Beamte.

Mein Adrenalinpegel stieg weiter: ┬źWas gibt das jetzt? Eine neue Auflage der Geschichte ÔÇ╣Wir sind die besseren PatientenÔÇ║? Haben wir nicht schon genug an gravierenden Unterschieden?

Mag ja sein, dass zu Ihnen der Herr Doktor freundlicher ist, mehr Zeit f├╝r Sie verwendet, Ihnen besser zuh├Ârt und nicht laufend auf seinen PC sieht, um das Budget nicht aus dem Auge zu verlieren. Bilden Sie sich ja nicht ein, es gehe dabei um Sie! Es geht dabei um die Bezahlungsmodalit├Ąt Ihrer Behandlung, da Sie als Beamter als Privatpatient in der Praxis aufschlagen! Und was denken Sie, wer Ihre Beihilfe bezahlt? Wir, die Masse der Steuerzahler! Also, sollen wir nun auf dieser Basis weiter diskutieren? Wer derÔÇ╣bessereÔÇ║Patient ist? Wem was eher zusteht? Denn Sie als Beamter kommen als Privatversicherter mit Beihilfe gar nicht in so eine Situation wie diese junge Frau!

Ja, ich war in dem Moment echt sauer! Vielleicht weil es zu oft vorkommt, dass wir so ├╝ber einen anderen Menschen diskutieren, zum Beispiel wie eben in dem Fall, ob die junge Frau einen gescheiten Rollstuhl bekommen darf oder nicht. Und w├Ąhrend sie in der Runde ├╝ber andere diskutierten, haben sie weder als Privat- noch als Kassenpatient daran gedacht, wie ihre in Anspruch genommenen Vorteile finanziert werden. Vorteile und Geschenke, Rabatte und Boni, Pizzaessen und Gartenscheren ÔÇô das alles geht. Aber ein elektrischer Rollstuhl ist pl├Âtzlich unn├Âtiger Luxus, und da muss man genau hinschauen. Mit beiden H├Ąnden in den Topf reinlangen wie der Arzt in den Karton mit Kugelschreibern.

Unser Egoismus zeigt sein Gesicht, indem wir solche Diskussionen f├╝hren wie oben: Braucht die junge Frau diesen Rollstuhl? Was bitte treibt uns in der ├ťberlegung? Der Mensch? Seine Lebenssituation? Oder nicht eher die Angst, zu kurz zu kommen? Diesen Gedanken m├╝ssen wir weiterdenken, denn dieses Denken vergiftet unsere Gesellschaft an einer empfindlichen Stelle. Wenn wir schon Menschen nichts g├Ânnen, die f├╝r ihre Krankheit nichts k├Ânnen, was machen wir dann mit denen, die in unseren Augen selbst schuld an ihrem Leid sind?” (..)

Fortsetzung folgt: ÔÇ×Wer kriegt zu Recht unser Geld?ÔÇť

 
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Schn├Ąppchenjagd beim Arzt – Fortsetzung 19 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

(..) ┬áAber jetzt haben wir nun mal den Patienten das Jagen beigebracht. Das Revier erstreckt sich l├Ąngst auch auf die Praxen. Eine Doktorin st├Âhnte einmal, dass sich Patienten oft wie im Selbstbedienungsladen auff├╝hrten. Da k├Ąmen Rezept-W├╝nsche per E-Mail, die dann am besten gleich per Fax an die Apotheke geschickt werden sollten. Das spart Zeit, aber beim Geldsparen gibt es auch kreative Ideen. Eine davon kommt aus der Zeit, als in Deutschland Patienten noch zehn Euro Praxisgeb├╝hr bezahlen mussten. Und so lautet sie:Wenn bei einem Paar beide Partner dasselbe Medikament ben├Âtigen, zum Beispiel Blutdruckpr├Ąparate, w├Ąre es doch dumm, zu zweit in die Praxis zu gehen und somit zweimal zehn Euro zu bezahlen! Also geht nur einer von den beiden und l├Ąsst sich das Rezept ausstellen, jedoch mit der doppelten Menge! Die Geschichte hat mir die erw├Ąhnte┬á├ärztin erz├Ąhlt. Sie hat dann irgendwann geschaltet: Die teilen sich die Medikamente und sparen so eine Praxisgeb├╝hr. Die┬á├ärztin aber (jetzt muss ich die┬á├ärzte in Schutz nehmen) bekommt von der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung nur einen Fall erstattet, n├Ąmlich den, dessen Kassen-┬źGl├╝ckskarte┬╗ eingelesen wird. Und so betr├╝gen diese Patienten nicht das gro├če, gesichtslose System, sondern ihre eigene Haus├Ąrztin in der Nachbarschaft.

So eine Schn├Ąppchenj├Ągerin habe ich auch bei einem Treffen unserer B├╝rgerschulterschluss-Initiative kennen gelernt. Sie hat sich tierisch aufgeregt ├╝ber ihren Arzt. Sie war krank gewesen, und der Arzt hatte ihr nur ein Rezept f├╝r 20 Tabletten gegeben. Sie wollte aber 100 Tabletten haben. Der Arzt hatte sich nicht darauf eingelassen. Ihre Krankheit war nichts Langwieriges, und ich konnte nicht verstehen, was so schlimm an der Sache war. ┬źEs kann doch sein, dass die 20 ausreichen┬╗, habe ich gesagt und im Kopf ├╝berschlagen, dass solch ein Rezept billiger f├╝r sie ist. ┬źWas soll daran billiger sein?┬╗, hat sie mich emp├Ârt gefragt.┬┤┬źWenn ich nur 20 Tabletten bekomme und brauche dann doch mehr, muss ich in der Apotheke wieder dazuzahlen!┬╗ Erst in dem Moment verstand ich die Rechnung: Nat├╝rlich ist die Hunderter-Packung teurer. Aber diesen Preis zahlt nicht die Patientin, sondern die Kasse, also die Gemeinschaft. Sie st├Ârte vielmehr der Preis, den sie selbst in der Apotheke noch mal drauflegen m├╝sste. Als ich ihr dann sagte, dass dann wahrscheinlich 80 Tabletten bei ihr rumliegen und verfallen w├╝rden, meinte sie, das sei ihr wurscht. F├╝r viele sind das Lappalien. Diese Frau wird die Gesundheitsversorgung nicht zum Erliegen bringen. Solche Geschichten erz├Ąhle ich aber mit einem unguten Gef├╝hl: Es zeigt deutlich, wie wir selbst den Kontakt zu unserem Solidarsystem verloren haben und es im Stich lassen. Mein Eindruck ist, dass es vielen schon herzlich egal geworden ist und sie sich gar nicht mehr f├╝r die Zusammenh├Ąnge und den Sinn unserer Versorgung interessieren. Die Kassen packen uns bei unserem Ego und lehren uns, unsere Versicherung als einen Vertrag zu verstehen, den wir genauso gut auch f├╝r unser Telefon h├Ątten abschlie├čen k├Ânnen. Da freuen wir uns auch, wenn wir einen vorteilhaften Tarif und attraktive Pr├Ąmien bekommen. Die Botschaft der neuen Krankenversicherung ist: Wir k├Ânnen f├╝r uns etwas rausschlagen. Nicht mehr bezahlen als n├Âtig! Das ist perfektes Werbedeutsch, und bei einem Telefontarif f├Ąnde ich es angemessen-

F├╝r unser Gesundheitssystem ist es ein Desaster. Schn├Ąppchenj├Ąger sind Pfennigfuchser und schauen aufs Geld. Und was passiert, wenn sie kapieren, dass dieses System allen dienen soll und nicht ihnen allein? Dann werden sie nicht gro├čz├╝giger, sondern geiziger. Sie sind ja mittlerweile daf├╝r trainiert, auf den Preis zu achten! Und wehe, einer ist zu teuer! Teuer werden Patienten dann, wenn sie schwer krank sind. (..)

Fortsetzung folgt:┬á “Warum ein besserer Rollstuhl? Gel├Ąhmt ist gel├Ąhmt!”

 
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Fortsetzung 18 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Sirenenschreie

F├╝r die Kassen ist das Werbung. 2007 hatte die Gro├če Koalition unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Wettbewerbsst├Ąrkungsgesetz erlassen. Wieder so ein Wortunget├╝m. Es sollte mehr Wettbewerb unter den Krankenkassen bringen, denn Wettbewerb sei immer gut f├╝r die Kunden. Aber sind wir nicht eigentlich Kassenmitglieder und, wenn wir krank werden, Kassenpatienten? Eigentlich sollte die Kasse doch nur treuh├Ąnderisch unser Geld verwalten und nicht Wettbewerb betreiben. Mittlerweile sehen uns die Kassen aber auf jeden Fall als ihre Kunden an. Und seitdem es den Gesundheitsfonds gibt, buhlen sie um Mitglieder. Denn je mehr sie haben, desto mehr Geld bekommen sie, und desto mehr Macht haben sie. Und so bombardieren sie uns mit Werbung und Angeboten, als w├Ąren wir unterwegs in der Fu├čg├Ąngerzone. Das Wort Krankenkasse ist dazu auch nicht mehr sexy genug, also nennt man sich zum Beispiel lieber ┬źIhre DAK-Gesundheit┬╗. Vor einiger Zeit wurde in Medizinerkreisen noch schwer das ├ärzte-Hopping beklagt, bei dem die Patienten von Arzt zu Arzt rennen. Dagegen scheint das Krankenkassen-Hopping richtig gewollt zu sein. Dabei ist die Idee vom Wettbewerb ein gro├čer Schmarren. Denn das Angebot ist ├╝berall gleich. Der Versicherungsbeitrag ist in Deutschland per Gesetz f├╝r alle festgeschrieben. Die jetzige Gro├če Koalition plant zwar, dass die Kassen bald Zusatzbeitr├Ąge festlegen d├╝rfen. Aber das ist Zukunftsmusik ÔÇô noch zahlen alle dasselbe. Und warum sollte ich denn in die Kasse A wechseln, wenn sie mich genauso viel Geld kostet wie Kasse B? Die Kassen haben sich darum etwas einfallen lassen! Sie machen kleine Geschenke f├╝r die Geldbeutel ihrer Kunden. Denn Schn├Ąppchenj├Ąger schauen immer zuerst in ihren Geldbeutel und selten weiter. Die Techniker Krankenkasse warb beispielsweise in der Zeitung und im Radio mit einer Wechselpr├Ąmie von 80 Euro. ┬źDavon k├Ânnen Sie sich zum Beispiel neue Sportschuhe kaufen, die Sie gut f├╝r unsere Angebote nutzen k├Ânnen┬╗, fl├Âtete die Anzeige. ├ťbrigens, mit ┬źAngebote┬╗ waren die verschiedenen Zusch├╝sse f├╝r sportliche Aktivit├Ąten gemeint. Die Frage ist nur: Woher kommen denn diese 80 Euro? Die hat die Gemeinschaft in einen Topf einbezahlt. Und daraus bedient sich jetzt eine Krankenkasse, um Schn├Ąppchenj├Ąger zum Wechsel zu animieren. Die DAK legte sogar noch einen drauf und sagte im Januar 2014, dass f├╝r eine Familie pro Jahr eine R├╝ckzahlung von 600 Euro drin sei. Daf├╝r m├╝ssen die Mitglieder einige Voraussetzungen erf├╝llen. Der Deal ist, dass sie einen Gesundheitsfragebogen ausf├╝llen, Vorsorgeuntersuchungen machen und au├čerdem bei Blutdruck oder Gewicht gute Werte erzielen. Und sie m├╝ssen bereit sein, bis zu einer vereinbarten H├Âhe selbst f├╝r ┬źbestimmte medizinische Leistungen┬╗ aufzukommen. Das ist dann wie bei der Autoversicherung ÔÇô den Lack f├╝r den Kratzer an der Sto├čstange zahle ich auch selbst, wenn ich mich auf eine Selbstbeteiligung eingelassen habe. Aber eine Krankenkasse ist keine Autoversicherung. Mich erinnert das stark an die privaten amerikanischen Versicherungskonzerne. Dahin will die DAK uns anscheinend Schritt f├╝r Schritt umerziehen. Denn f├╝r unsere Bereitschaft winkt sie mit einer dicken Pr├Ąmie. Sie bekommen also Geld, wenn Sie gesund sind ÔÇô wenn Sie krank werden, werden Sie zum Bittsteller! Dieses System ist schizophren! Als ich mit einer ├ärztin ├╝ber diesen Tarif gesprochen habe, ist die schier an die Decke gegangen. ┬źDie Kassen sagen ihren Mitgliedern immer: ÔÇ╣Gehen Sie zum Hausarzt, der macht das!ÔÇ║┬╗, regte sie sich auf. Die DAK zahlt zum Beispiel f├╝r gute Gesundheitswerte 60 Euro im Jahr an die Mitglieder. F├╝r den von der Kasse geforderten Bonusstempel bekommt der Arzt aber nichts. Allein f├╝r den Body Mass – Index muss eine Arzthelferin mit dem Patienten zur Waage gehen, und die ├ärztin rechnet das Verh├Ąltnis von K├Ârpergr├Â├če und Gewicht am Computer aus. F├╝r diese Arbeit sieht sie kein Geld. ┬źIch habe gesagt, wir machen das nicht mehr umsonst!┬╗, sagte die ├ärztin w├╝tend. ┬źJetzt verlangen wir f├╝nfzehn Euro daf├╝r!┬╗ Und schon wieder reden wir nur ├╝ber Geld, Gier, Neid und Missgunst. Aber der DAK-Tarif geht mit seiner Umerziehung noch weiter. In ihrem Mitgliedermagazin zeigt sie einen jungen Mann, der den Tarif anpreist. Auf einem Foto steht er sch├╝chtern l├Ąchelnd in einem Tr├Âdelgesch├Ąft, sechs h├Ąssliche Untertassen in der Hand, und der Text verr├Ąt ├╝ber ihn: ┬źBei einem guten Angebot kann ich nicht widerstehen. Deshalb finde ich es spannend, in Antiquariaten zu st├Âbern oder auf Flohm├Ąrkten zu feilschen, und daf├╝r nehme ich mir auch gerne Zeit.┬╗ Aha, feilschen! Und weiter: ┬źDabei gehtÔÇÖs mir weniger um das Sparen: Es ist einfach ein gutes Gef├╝hl zu wissen, dass ich nicht mehr bezahlt habe als n├Âtig ÔÇô vielleicht sogar weniger.┬╗ Da steht er also, der Schn├Ąppchenj├Ąger, und ich bin dankbar f├╝r den Einblick in seine tiefste Seele. Ich dachte, es geht uns immer nur ums Geld und darum, noch mehr davon zu kriegen. Die DAK kl├Ąrt uns aber auf: Es ist einfach ein gutes Gef├╝hl, nicht mehr als n├Âtig zu bezahlen. F├╝r sich selbst, versteht sich! Dieser Mann auf dem Foto ist ja erkennbar jung und gesund. Klar, dass er da nicht viele Arztkosten hat. Wenn er mir nicht auf einem Werbefoto, sondern in echt begegnen w├╝rde, w├╝rde ich ihn nur zu gerne fragen: ┬źF├╝r wen bezahlen wir noch mal unsere Kassenbeitr├Ąge?┬╗ Wenn unser System so auss├Ąhe, dass wir zur Bankgehen und dort eine Gesundheitsversicherung abschlie├čen, die wir ansparen und die uns dann ausbezahlt wird, wenn wir krank werden, h├Ątte ich gar nichts gegen die Schn├Ąppchenj├Ągerei. Na klar ist es dann ein gutes Gef├╝hl, nicht den teuren Tarif abgeschlossen zu haben. Aber unser Solidarsystem wird uns so verkauft, dass unser Geld f├╝r Menschen ist, die es aufgrund ihrer Krankheit und ihres Alter brauchen. Also nicht f├╝r uns, sondern f├╝r die, die gerade in diesem Moment nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert werden. Die alle zwei Tage zur Dialyse m├╝ssen, weil ihre Nieren kaputt sind. Die Mitte achtzig sind und mehr Medikamente brauchen. Sie alle k├Ânnen nicht mehr feilschen und f├╝r sich das Beste rausschlagen. Es geht um ihr Leben und ihre W├╝rde. Und entlarvt sich unsere Sparsamkeit nicht, wenn wir uns f├╝r einen Moment vorstellen, diesen Menschen ins Gesicht zu sagen: ┬źEs ist ein gutes Gef├╝hl, wenn ich f├╝r dich nicht mehr zahle als n├žtig. Besser sogar weniger!┬╗?

Aber das Geld, das uns die Kassen als Bonus oder Rabatt schenken, geht von dem Geld f├╝r die Behandlung der Kranken ab. Die Kassen erwirtschaften ja keine zus├Ątzlichen Gelder mit dem Verkauf von ┬żpfeln oder Klosterfrau Melissengeist! Sie verpulvern stattdessen Millionen f├╝r Werbung, um uns die Lockangebote ├╝berhaupt erst schmackhaft zu machen. Und auch in anderen Bereichen schneiden sie sich die Pr├Ąmien nicht durch Sparsamkeit etwas aus dem Fleisch. Wie im n├Ąchsten Kapitel klar wird, sind die Kassen alles andere als Sparf├╝chse, wenn es um ihre Geh├Ąlter oder Geb├Ąude geht. Nein, das Geld kommt aus der einzigen Quelle, aus der sie sich frei bedienen k├Ânnen: unserem Beitragsgeld. Warum sollte ich da noch einzahlen, wenn sie damit die Urlaubskasse ihrer Mitglieder aufp├Ąppeln? Um Geschenke geht es doch nicht! Aber das scheinen wir vergessen zu haben. Dieses marktschreierische System funktioniert, und es funktioniert nur, weil es unser gieriges Ego erlaubt. Das ist bei den ├ärzten nicht anders. Das ist im Krankenhaus nicht anders. Das ist bei den Politikern nicht anders. Und auch nicht bei uns Patienten. Das Gesundheitssystem ist f├╝r mich das Spiegelbild einer durch und durch egoistischen Gesellschaft, in der nur noch das ICH z├Ąhlt. (..)

Fortsetzung folgt: ÔÇ×Schn├Ąppchenjagd beim ArztÔÇť

 
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Fortsetzung 17 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Der Bonus f├╝r die Gesunden

Die Indianer vom Stamme Nimm der ├ärzte haben Cousins und Cousinen unter den Patienten: die Schn├Ąppchenj├Ąger. Sie wollen etwas aus diesem Gesundheitssystem rausholen. Denn gef├╝hlt hat es ihnen bisher nicht viel geholfen. Eine Bekannte kam mal zu mir und streckte mir sehr offensichtlich ihre F├╝├če entgegen. Es war Sommer, ihre F├╝├če steckten in offenen Sandalen, und die Zehen klimperten aufreizend. ┬źNa? Wie findest du meine F├╝├če?┬╗, fragte sie mich. Ich wusste nicht, was sie meinte. Hatte sie neue Schuhe gekauft? ┬źIch war bei der Fu├čpflege!┬╗, kl├Ąrte sie mich auf, nachdem ich nicht selbst auf diesen weltbewegenden Unterschied gekommen war. Ich muss gestehen, dass ich den Leuten nicht so oft auf die Fu├čzehen starre! Aber das war wirklich eine Neuigkeit: Fu├čpflege! Meine Bekannte hatte noch nie davon gesprochen. Wie sich dann herausstellte, war sie in ihren ├╝ber f├╝nfzig Lebensjahren auch noch nie dort gewesen. Doch eines Tages hatte sie entdeckt, dass ihre Krankenkasse Fu├čpflege-Prozente f├╝r ihre Mitglieder anbietet, und zugeschlagen. ┬źWer zahlt das?┬╗, fragte ich sie und bekam die gleiche Antwort wie von den Frauen beim Pilates-Kurs: ┬źDas ist mir egal! Wenn ich schon nicht krank werde, dann muss ich schauen, wie ich mein Geld wieder rauskriege!┬╗ Die Kassen haben uns Schn├Ąppchenj├Ąger sehr schnell durchschaut. Ganze Bonushefte mit Rabatten werden angeboten. Mitglieder k├Ânnen sogar in Restaurants billiger essen. Als ich begonnen habe, mich mit dem Gesundheitssystem zu befassen, wollte ich die Patienten aufkl├Ąren. Daraus ist eine B├╝rgerinitiative entstanden, und es gibt Treffen ├╝berall in Deutschland, in denen sich Patienten ├╝ber das Gesundheitssystem austauschen

und informieren. Diese Abende haben meistens ein Thema, und danach sitzt man noch zusammen. Im bayerischen Schwaben hatte sich eine Gruppe in der Volkshochschule getroffen und mich zu einem Vortrag eingeladen. Danach wollten wir gemeinsam eine Pizza essen gehen. ┬źAber wir gehen schon dahin, wo es billiger ist!┬╗, sagte eine Teilnehmer in und wedelte mit dem gr├╝nen Heft. ┬źWer ist denn noch alles bei der AOK?┬╗ Vier oder f├╝nf waren dabei, und die w├Ąlzten zusammen das Heft auf der Suche nach einer im AOK-Heft aufgef├╝hrten Pizzeria. Dann fing ich wieder mit dem Solidarsystem an: ┬źWieso m├╝ssen wir jetzt dahin gehen?┬╗ Ich kann da sehr penetrant sein, denn wir verstehen immer weniger, was die Kassen f├╝r uns leisten sollen. Es ist doch nicht wichtig, dass ich g├╝nstiger ┬źHoliday on Ice┬╗ sehen und billiger das Legoland besuchen kann. F├╝r mich ist wichtig, dass mich mein Arzt richtig behandeln kann und ihn sein Computer nicht nach f├╝nf Minuten daran erinnern muss, dass hier ein Schn├Ąppchenj├Ąger vor ihm sitzt und mehr Behandlungszeit f├╝r ihn nicht mehr drin ist. Die Werbegeschenke werden bezahlt aus dem Topf, in den wir alle mit dem Vertrauen einzahlen, dass dieses Geld da sein wird, wenn wir Hilfe brauchen. Vielleicht haben Sie selbst gemerkt, dass es absurd ist, den Gesunden Erm├Ą├čigungen zum Beispiel f├╝r fettige Pizzen und Eintrittskarten zu geben. Ein aktuelles Bonusprogramm verteilt Punkte f├╝r Untersuchungen und Sport. Sportvereine, Fitnessstudios und ├ärzte k├Ânnen ihren Stempel reinsetzen, und die Flei├čigen d├╝rfen sich dann eine Pr├Ąmie aussuchen. So umwerfend ist das Angebot eigentlich nicht, es erinnert stark an die Qualit├Ąt der Leser-werben-Leser-Pr├Ąmien, die Tageszeitungen anbieten. F├╝r die Flei├čigen gibt es bei manchen Kassen eine kleine Kaffeemaschine (Zitat: ┬źLecker!┬╗), f├╝r die Mittelerfolgreichen ein Blutdruckmessger├Ąt, und am hinteren Ende ist manchmal eine Gartenschere oder eine Zitruspresse drin. Eine Gartenschere? Eine Zitruspresse? Das ist nichts, was ich als lebensnotwendiges Angebot meiner Krankenkasse betrachte. Aber anscheinend funktionieren diese Pr├Ąmien pr├Ąchtig. ┬źManche Patienten sind richtig geil drauf!┬╗, sagte ein Arzt zu mir, ┬źdie fragen mich immer nach Stempel und Unterschrift.┬╗ Nat├╝rlich wird hier das Gegenargument gebracht, da gehe es um Pr├Ąvention. Ziel sei, dass die Leute ges├╝nder leben, das komme der Allgemeinheit zugute. Ich bin aber selbst f├╝r meine Gesundheit verantwortlich. Ich habe mir ein Fahrrad gekauft, um mich zu bewegen, und zahle meinen Pilates-Kurs selbst, weil es mir gut tut. Da muss mir die Krankenkasse keine Gartenschere hinhalten wie der Bauer dem Esel eine Karotte. In Wirklichkeit sind es ganz gezielte Marketinginstrumente, um die Leute an ihre Krankenkasse zu binden. Oder zum Wechseln zu animieren. Denn diese Lockangebote spielen mit dem Egoismus und unserer Gier nach Schn├Ąppchen.

Fortsetzung folgt: Kapitel ÔÇ×SirenenschreieÔÇť

 
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Fortsetzung 16 aus meinem Buch Kapitel (Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger) “Der goldene Skalp”

Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger

Jetzt m├Âchte ich gerne mal Ihnen eine Frage stellen: F├╝r wen bezahlen Sie eigentlich Ihren monatlichen Kassenbeitrag? Ich bin viel als Referentin zu Vortr├Ągen unterwegs, und auch da frage ich mein Publikum: Wer glaubt, dass er seine Kassenbeitr├Ąge f├╝r sich selbst einzahlt? Meistens strecken dann 90 von 100 Zuh├Ârerinnen und Zuh├Ârern die Hand in die H├Âhe. Wenn Sie sich meinem Publikum jetzt angeschlossen haben, muss ich Sie leider entt├Ąuschen. Sie zahlen nicht f├╝r sich! Das ist der erste Irrtum ├╝ber das Solidarsystem. Nein, eigentlich ist es der Irrtum in unserer Gesellschaft. Ihr Geld zahlen Sie in einen gro├čen Topf ein. Und aus diesem Topf werden alle bedient, die Hilfe brauchen. Die Gemeinschaft steht ein f├╝r die Schwachen. Die Jungen bezahlen f├╝r die Alten. Die Gesunden bezahlen f├╝r die Kranken. Keiner f├╝r sich selbst. Dieses System ist aber ziemlich in Vergessenheit geraten. In dem Film ┬źSicko┬╗ macht sich der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore auf den Weg nach Europa und versucht dort, die Gesundheitssysteme in England und Frankreich zu verstehen. Ihm gehen fast die Augen ├╝ber, als die Leute ihm erz├Ąhlen, dass in der Notaufnahme in einem englischen National ÔÇô Health – Service-Krankenhaus niemand eine Rechnung bezahlen muss. Die Krankenversicherung kommt daf├╝r auf, egal wie schwerwiegend die Verletzung ist. Der Amerikaner staunt Baukl├Âtze, und die Europ├Ąer erkl├Ąren ihm belustigt die Formel: Jeder nach seinen Bed├╝rfnissen.

Das klingt schon sehr nach Karl Marx. Und irgendwie ist man versucht, dieses verstaubte Wort ┬źSolidarit├Ąt┬╗ samt seinem Marx-Muff in der Rumpelkammer zu entsorgen, in der die ganzen anderen ├╝berholten Ideen der Weltgeschichte abgestellt und vergessen worden sind. Tats├Ąchlich ist unser Solidarsystem aber noch nicht ganz abgestellt, sondern am Arbeiten. Es verhindert, dass wir uns verschulden m├╝ssen, wenn wir uns mit einer Kreiss├Ąge einen Finger abs├Ągen oder mit einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Es ist wie ein Fallschirm, den wir bei einem Sprung aus dem Flugzeug auf dem R├╝cken tragen. Diesen Fallschirm hat uns die Familie der gesetzlich Versicherten geschenkt. Leider sind wir uns dessen nicht mehr bewusst. Unsere Familie ist uns fremd geworden, und wir kennen den Wert des Fallschirms nicht mehr. Darum ist unser Solidarsystem zum Tode verurteilt. Mitte der 1990er-Jahre ist die Krankenversicherungskarte eingef├╝hrt worden, und jetzt steckt sie in unserem Geldbeutel wie selbstverst├Ąndlich neben unserer Bankkarte. Diese beiden Karten haben eines gemeinsam: Wir verlieren das Gef├╝hl f├╝r den Wert der Dinge. Wenn ich bargeldlos einkaufe, merke ich erst, dass ich mich ├╝bernommen habe, wenn das Konto leer ist und die Karte nicht mehr akzeptiert wird. Es gibt Leute, die interessiert ├╝berhaupt nicht mehr, was auf ihrem Konto drauf ist. Sie schieben einfach nur noch die Karte in den Leser und lassen abbuchen. Und so machen wir das mit unserer Krankenkassenkarte auch. Ich stecke sie ein und bekomme das volle Angebot der Medizin quasi gratis. Was dahinter steckt, bekomme ich nicht mehr mit. So verlieren wir das Bewusstsein daf├╝r, dass wir Verantwortung f├╝r dieses System tragen. Wir schauen nur noch auf den Profit. Wir ├Ąrgern uns nur noch ├╝ber die Abz├╝ge f├╝r die Krankenversicherung, von denen wir auf unseren Gehaltszetteln lesen. Aber wir bekommen nicht mit, wie viel Geld die Solidargemeinschaft f├╝r uns beim Arztbesuch investiert oder bereits investiert hat. Eigentlich haben wir nach unserer Geburt und Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das erste Mal einzahlen, schon einen gro├čen Kredit aufgenommen, den wir der Gemeinschaft schulden. Aber dieser Wert ist uns nicht bewusst, weil wir die goldene Karte besitzen und scheinbar alles gratis ist. So werden wir entm├╝ndigt und entfremdet von diesem Solidarsystem. Die ├ärzte glauben, dass sie zu wenig bekommen. Bei uns ist es umgekehrt: Wir denken, dass uns das alles viel zu viel Geld kostet. Und so stehen wir vor einem gro├čen Irrtum. Das Solidarsystem arbeitet zwar noch und verteilt unser Geld um. Aber es existiert nicht mehr. Nicht mehr in unseren K├Âpfen, denn dort herrscht schon die Denkweise des Marktes, und die lautet: Jeder ist sich selbst der N├Ąchste. Ich habe das bei einem Pilates-Kurs erlebt. Unter den ganzen Teilnehmerinnen war ich die einzige, die den vollen Betrag von 75 Euro bezahlt hat. Alle anderen hatten einen Zettel von der Krankenkasse dabei und daf├╝r einen ordentlichen Rabatt bekommen. Ich habe die anderen damals gefragt: ┬źAus welchem Grund soll das Solidarsystem Ihnen den Kurs zahlen?┬╗ Die haben mich vielleicht angeschaut! Und es kam sofort die Retourkutsche: ┬źH├Âren Sie mal! Ich habe jetzt jahrelang eingezahlt und habe noch nie etwas rausgeholt.┬╗ Man k├Ânnte weiter formulieren: ┬źDas steht mir zu! Das habe ich verdient!┬╗ Diese Haltung kommt mir sehr bekannt voraus den Gespr├Ąchen mit ├ärzten.(..)

Fortsetzung folgt — Kapitel: Der Bonus f├╝r die Gesunden

 
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Kapitel 15 ( Nichts mehr wert) aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Nichts mehr wert

Diese Angst kommt von der Unsicherheit, ob man noch die n├Âtige Hilfe bekommen wird. Das Gesundheitssystem hat dabei grundlegend das Verst├Ąndnis vom Menschen und seiner Gesundheit ver├Ąndert. Eigentlich sind wir f├╝r das Gesundheitssystem keine Menschen mehr. Das M├Ąrchen vom Solidarsystem erz├Ąhlt uns immer, dass jeder getragen wird und die Hilfe bekommt, die er braucht. Das stimmt aber nur bedingt. Der Mensch an sich hat keinen Wert mehr, behandelt zu werden. Der Frau mit dem Knoten am Hals war nicht mehr bewusst, dass sie als Mensch ein Recht auf eine Behandlung hat. Stattdessen glaubte sie, dass sie ihrem Arzt zur Last fallen und sein Budget sprengen w├╝rde. Die Optimierer des Systems haben nicht nur den Bergdoktor umgebracht, sie erobern auch gerade Zentimeter f├╝r Zentimeter unser Selbstverst├Ąndnis. F├╝r mich ist es elementar f├╝r die W├╝rde des Menschen, dass wir das Recht haben, in unserer Not behandelt zu werden. Dass wir alles in unserer Macht Stehende tun m├╝ssen, um Menschen gesund zu machen. Doch diesen Wert besitzen wir nur noch bedingt. N├Ąmlich nur solange wir unsere Gesundheitskosten nicht ├╝berstrapazieren. Und jetzt haben wir Angst, dass eines Tages unser Konto aufgebraucht sein wird. Genau diese Angst der Unbezahlbarkeit wird uns immer wieder suggeriert. Jetzt muss nat├╝rlich prompt der Einwand kommen, dass in Deutschland kein Notfall abgewiesen werden darf. Vor etwa zwei Jahren habe ich jedoch einen Brief von einer Frau bekommen, die eine andere Geschichte erz├Ąhlte. Sie war stinksauer und verzweifelt. Ihr Mann hatte schwer krank vier Monate lang im Krankenhaus gelegen: Infekte der Lunge, Schlaganfall und wieder neue Infekte. Im August 2012 wurde er aus dem HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin entlassen. Die Klinik faxte den Arztbericht an den weiterbehandelnden Hausarzt. Einen Tag sp├Ąter rief Frau A. den Hausarzt an, um die weiteren Schritte zu besprechen. Ob sie in die Praxis kommen solle, fragte sie die Arzthelferin. Die Antwort, die sie bekam, h├Ątte sie im Leben nicht erwartet: ┬źNein┬╗, h├žrte sie aus dem H├žrer. ┬źDer Herr Doktor behandelt Ihren Mann nicht mehr, holen Sie alle Unterlagen ab, sie liegen bereit!┬╗ Frau A. war keine ├╝berforderte, uninformierte Patientin. Sie kannte das System, denn sie hatte ein Jahrzehnt als Chefsekret├Ąrin eines Klinikchefs gearbeitet. Sie hatte viel erlebt, aber doch nicht genug, um das zu erwarten, was sie jetzt am Telefon h├Ârte. Ihr Mann war drei├čig Jahre lang pflichtversichert. Jetzt wurde er, kurz nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, von seinem Hausarzt einfach vor die T├╝r gesetzt! Sofort machte sie sich auf den Weg in die Praxis. Als ihr am Tresen kommentarlos die Unterlagen ihres Mannes ├╝berreicht wurden, ├Âffnete sich die T├╝r zum Behandlungszimmer. Der Arzt kam heraus, das war ihre Chance! ┬źWarum lehnen Sie die weitere Behandlung meines Mannes ab?┬╗, fragte sie ihn. Er erwiderte kurz: ┬źWenn ich das sehe, die vielen Medikamente, die Ihr Mann bekommen soll, das mache ich nicht! Das kommt gar nicht in Frage, das ist eine Luftnummer!┬╗ Ihr Mann ÔÇôeine Luftnummer? F├╝r den Arzt war er nur noch ein Patient, der kein Geld brachte. Stark behandlungsbed├╝rftig, teure Medikamente, viele Hausbesuche.

Zwischen Entsetzen und Verzweiflung fragte sie den Arzt: ┬źVereinbart sich Ihr Handeln mit der ├Ąrztlichen Ethik und der F├╝rsorgepflicht? Fast drei├čig Jahre lang war mein Mann bei Ihnen Patient, und nun lehnen Sie ihn einfach ab, das ist nicht in Ordnung.┬╗ Der Arzt antwortete nicht mehr, sondern verschwand gru├člos in seinem Zimmer. Der ganze Wortwechsel spielte sich am Tresen der Praxis ab. Etwa einen Meter entfernt sa├čen Patienten auf Besucherst├╝hlen. Dass sie miterlebten, wie der Arzt einen Patienten vor die T├╝r setzte, st├žrte weder den Herrn Doktor noch die Angestellte. Die besch├Ąftigte mittlerweile eine andere Sache. Sie bat Frau A. um ihre Versichertenkarte. ┬źVersichertenkarte, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst?┬╗, fragte Frau A. und reimte sich zusammen, was das sollte: Der kurze Streit auf dem Flur war schon der notwendige pers├Ânliche Kontakt, den der Arzt brauchte, um eine Zahl eintragen und abrechnen zu k├Ânnen. Die wollten doch tats├Ąchlich f├╝r die Abweisung ihres Mannes noch Honorar verlangen, wozu sie die Karte einlesen mussten. Sie verlie├č kopfsch├╝ttelnd die Praxis, unter ihrem Arm die Unterlagen ihres Mannes. Die Frau hat sp├Ąter der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung geschrieben, die diesem Herrn die Kassenzulassung gegeben hatte. Eine Antwort bekam sie nicht. F├╝r mich ist das die Perversion unseres Gesundheitssystems. ├ärzte und Patienten haben sich beide diesen Wahnsinn nicht ausgedacht. Die Kassenmitglieder k├Ânnen auch nicht entscheiden, was an Honoraren bezahlt wird. Genauso gut kann ein Arzt oder eine ├ärztin nicht dauernd ein Minus erwirtschaften oder riskieren, wegen zu teurer Behandlungen die Kontrolleure der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung auf der Matte stehen zu haben. Es sind die Rahmenbedingungen, die das vorgeben. Und das Verr├╝ckte ist, dass wir uns nicht als Opfer dieses Wahnsinns verb├╝nden und die Entscheider zwingen, etwas zu ├Ąndern. Sondern wir lassen uns als Feinde gegeneinander in Position bringen. Der schlafende Riese Patient k├Ânnte viel bewegen, wenn er nur aufwachen w├╝rde. Das tut er aber (noch) nicht. Stattdessen l├Ąsst er sich einlullen von den Gutenachtgeschichten der Krankenkassen, dass er von diesem System profitieren k├Ânne. Er muss dazu nur vergessen, dass er Patient ist, und seine wahre Natur annehmen: die des Schn├Ąppchenj├Ągers. (..)

Fortsetzung folgt Kapitel: Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger

 
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Fortsetzung 14 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Die Wut der Ärzte

Vielleicht wundern Sie sich, dass es in diesem Kapitel nur um B├╝rokratie und Gewinn geht. Genauso habe ich mich in den acht Jahren immer wieder wundern m├╝ssen, in denen ich ├╝ber das Gesundheitssystem recherchiert habe. In fast allen Diskussionen mit ├ärzten ging es nur ums Geld. Das ist Fakt. Tats├Ąchliche Ausnahmen sind die wenigen ├ärzte oder ├ärztinnen, die ich als Minderheit bezeichne. Mit denen ich gerungen habe um die W├Ârter Arzt und Patient, darum, Mensch und Menschlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Die bereit sind, diesem System die Stirn zu bieten, selbst mit der Gefahr des Existenzverlustes im Nacken. Auch die gibt es, und auch dar├╝ber werde ich in der Folge noch berichten! Bei der Masse der ├ärzte stehen aber die Patienten hinter der B├╝rokratie zur├╝ck. Es wird gesucht nach unausgesch├Âpften Geldquellen, nachdunklen Abrechnungsecken, in die niemand so schnell reinschauen kann. Es wird gepl├╝ndert, was nicht niet- und nagelfest ist. Denn es steht ihnen ja zu. Die Haltung der Masse ist: Wir leisten mehr, als wir verdienen. Wir werden betrogen!

Nat├╝rlich ist diese Ansicht bis zu einem gewissen Grad berechtigt. M├Ąnner und Frauen m├╝ssen sechs Jahre studieren, um Arzt werden zu k├Ânnen. Sie fangen viel sp├Ąter an, f├╝r ihre Altersvorsorge Rentenbeitr├Ąge zu bezahlen. Keine Frage, dass ihre Ausbildung honoriert werden muss. Ich hatte bei einem Vortrag in Nordrhein-Westfalen eine Begegnung, die mir geholfen hat, diese Unzufriedenheit zu verstehen. Nach einer Veranstaltung sa├č ich noch mit einer Gruppe Doktoren zusammen. Dabei kam ich ins Gespr├Ąch mit einem jungen Mann, etwa Ende drei├čig, der mir erz├Ąhlte, dass er seine Praxis in der dritten Generation f├╝hrt. Er hat sie von seinem Vater ├╝bernommen und der wiederum von seinem Gro├čvater. Dieser junge Mediziner hat mich auf den Trichter gebracht, woher dieses Gef├╝hl bei den ├ärzten kommt, dass ihnen etwas vorenthalten wird. Seine Enkelpraxis ist im Vergleich zu der seiner Vorfahren ein optimiertes Klein-Unternehmen. Die ganze Verwaltung erfolgt elektronisch, Papier gibt es nicht mehr. Seine Arzthelferinnen, die mittlerweile medizinische Fachangestellte hei├čen, hat er von Coaches ausbilden lassen, dass sie am Tresen individuelle Gesundheitsleistungen verkaufen ÔÇô die schon erw├Ąhnten IGeL – Leistungen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen, ohne dass der Arzt das mit der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung abrechnen muss. Daran ist absolut nichts Verwerfliches, wenn Patienten zus├Ątzliche Leistungen wollen und da f├╝r direkt bezahlen. Dieses Beispiel soll nur zeigen, wie dieser junge Mann seine Praxis f├╝hrt. An dem Abend sagte er zu mir:┬źMein Gro├čvater war schlechter ausgebildet als ich. Und er hat genauso viele Patienten gehabt wie ich. Aber er hat damals das Zehnfache verdient.┬╗ Ich habe den Eindruck, dass diese goldene Vergangenheit den ganzen Berufsstand fasziniert. Es sind Geschichten, die sich die Doktoren gerne erz├Ąhlen ÔÇô wie Lagerfeuer – Geschichten ├╝ber die gro├čen Erfolge von damals! Und so jagen sie dem verlorenen Paradies nach und berichten, wie fr├╝her alles besser war. Da gab es noch richtige Geschenke der Pharmafirmen! Ein Arzt sa├č mal in meinem B├╝ro und hat geschw├Ąrmt von einem Pharmareferenten, der fr├╝her eine ganze Garage voll mit Geschenken der Firma hatte. Sogar eine Komplettausgabe des Brockhaus war dabei, f├╝r einen Arztsohn, der damals Abitur gemacht hatte. Dieser Blick zur├╝ck verschleiert, dass der Stamm Nimm auch heute noch ganz gut bedient wird. Heute verlangt die Pharmafirma von ihm zwar 75 Euro f├╝r eine dreit├Ągige Fortbildung in Berlin, um nach au├čen zu demonstrieren: Arzt zahlt selbst. Nur dass es sich bei dem Preis um mehr als nur ein Schn├Ąppchen handelt, wird verschwiegen. Denn es sind Verpflegung, Flug, Hotel├╝bernachtung und Freizeitprogramm inklusive. Die goldene Vergangenheit ist der Ma├čstab. Da war man noch wer! Ein Herr Doktor oder ein Halbgott in Wei├č! Da bekam man von der Gesellschaft die Anerkennung und die Privilegien, die einem zustanden! Und nat├╝rlich richtig viel Geld. Das alles fehlt heute und macht unzufrieden. Diese nagende Unzufriedenheit muss irgendwann mal raus. Unzufriedene ├ärzte kenne ich jede Menge ÔÇô sie sind w├╝tend auf das heutige Gesundheitssystem. Und diese Wut entl├Ądt sich an denen, die die ├ärzte irrt├╝mlich f├╝r die Nutznie├čer halten: an den Kassenpatienten!

Ich habe so viele ver├Ąchtliche Kommentare von ├ärzten ├╝ber Kassenpatienten geh├Ârt, dass ich froh bin, dass die Patienten nicht wissen, was manche ├ärzte ├╝ber sie reden, wenn mal zehn zusammen an einem Tisch sitzen. Sie leben von uns Kassenpatienten, aber das vergessen sie gerne sehr schnell wieder. Sie tun so, als w├Ąre es etwas ganz Tolles f├╝r Kassenpatienten, von ihnen behandelt zu werden. Dass es eigentlich eine Ehre f├╝r uns sein m├╝sste, dass sie uns ins Behandlungszimmer bitten, wo wir doch schuld an ihren geringen Honoraren sind. Das macht ein schlechtes Gewissen und erzeugt Angst. Diese Woche hat mich eine Frau aus Wismar angerufen. ┬źFrau Hartwig, ich habe hier einen Knoten am Hals, und ich habe Angst!┬╗ Ich habe sofort abgeblockt und wollte mich nicht auf das Gespr├Ąch einlassen, weil ich medizinische Fragen weder beantworten will noch kann. Ich habe h├Âchsten Respekt vor der Ausbildung der ├ärzte, und f├╝r solche Fragen fehlt mir die Kompetenz ÔÇô ich habe nicht Medizin studiert. ┬źDa sind Sie bei mir vollkommen falsch, da m├╝ssen Sie zum Doktor! Wieso rufen Sie bei mir an?┬╗ Dann sagt sie: ┬źIch rufe nicht wegen des Knotens an! Mein Doktor hat mir schon im letzten Quartal gesagt, dass ich wegen meiner anderen Diagnosen zu teuer bin.┬╗ Und jetzt hatte sie Angst, dass sie mit ihrem Knoten noch teurer wird, und wollte meinen Rat, ob der Arzt sie wegschicken oder ihr Medikamente verweigern kann. ┬źSo ein Bl├Âdsinn!┬╗, habe ich ihr gesagt. ┬źSie gehen jetzt zum Arzt!┬╗ Ich habe mindestens zwanzig Minuten mit der Frau telefoniert, solche Angst hatte sie. Ich sollte mal aufschreiben, was mir Patienten auf den Anrufbeantworter sprechen. Und der ist jeden Morgen neu voll. Ich bin ├╝berzeugt, dass diese Frau, bevor sie die T├╝rklinke in die Hand genommen hat und in die Praxis rein gegangen ist, noch mit sich k├Ąmpfen musste. Dabei hat sie ganz vergessen, dass sie und die anderen Kassenpatienten diesen Arzt finanzieren. Er hat sich daf├╝r entschieden, Kassenpatienten zu behandeln, und eine Kassenzulassung beantragt. Freiwillig, er wurde nicht dazu gezwungen. Er wei├č, dass jeden Tag Patienten in seine Praxis kommen. Andere Selbst├Ąndige wissen nicht, ob sie jeden Tag einen Auftrag haben werden. Darum finde ich diese Haltung gegen├╝ber Kassenpatienten schlichtweg charakterschwach. Aber viel wichtiger ist die Frage, woher die Angst der Patientin kommt.

Fortsetzung folgt …….mit Kapitel “Nichts mehr wert”

 
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Fortsetzung 13 aus meinem Buch ÔÇ×Der goldene Skalp

(..) Es war nicht das letzte Mal, dass ich Angeh├Ârige dieses bisher noch selten erforschten Stammes Nimm getroffen habe. Ein Markenzeichen sind ihre gro├čen Stofftaschen, die sie zu Veranstaltungen mitbringen. Auf ├ärztekongressen und Hausarzttagen sind im Foyer viele Firmen aus der Pharma- und Medizinbranche vertreten, die Werbegeschenke verteilen: Lineale, Bl├Âcke, Radiergummis, Bleistifte, Bonbons, Kugelschreiber. Es sind nicht wirklich Kostbarkeiten, aber f├╝r viele ├ärzte scheinen sie immensen Wert zu besitzen. Mir kam es manchmal vor, als w├Ąre eine Mannschaft Messies auf Betriebsausflug. Auf einer Veranstaltung in Essen griff neben mir ein Arzt mit beiden H├Ąnden in eine Kiste mit Kugelschreibern. Er machte so reiche Beute, dass selbst seine Enkel niemals Mangel an Kugelschreibern leiden werden. ┬źWie viele Praxen haben Sie denn, dass Sie so viele Stifte brauchen?┬╗, fragte ich ihn damals. Er meinte nur: ┬źWieso? Die kosten doch nichts!┬╗ Die Stofftaschen ÔÇô die sie von den Firmen ├╝brigens auch geschenkt bekommen ÔÇô waren gut gef├╝llt an diesem Tag in Essen. Das ist nat├╝rlich zum Schmunzeln. Ich habe aber auch ├Ąrgerlichere Situationen erlebt. Ich habe schon mehrere B├╝cher ├╝ber das Gesundheitssystem und seinen Irrsinn geschrieben. Eins erschien im Verlag meines Mannes. Ende 2013 hat mich unser Steuerb├╝ro darauf aufmerksam gemacht, dass noch viele Buchrechnungen offen seien. Es hat meinem Mann sehr empfohlen, Mahnungen zu schreiben. Ich habe die offenen Rechnungen durchgesehen und gedacht: Da kann jetzt keine Mahnung raus. Denn das waren ├╝berwiegend Bestellungen von ├ärzten, einige davon kenne ich gut! Es w├Ąre besser, das direkt zu kl├Ąren, habe ich gedacht und zum Telefon gegriffen. Mein erster Anruf war bei einem Arzt in M├╝nchen, der vor zehn Monaten ein Buch von mir bestellt hatte. ┬źDa ist noch eine Rechnung offen vom letzten Jahr┬╗, habe ich ihm am Telefon gesagt. Er wusste von keiner Rechnung. ┬źSie haben doch ein Buch bestellt!┬╗ Daran konnte er sich erinnern und pl├Âtzlich auch daran, was mit der Rechnung passiert ist: ┬źDie habe ich weggeschmissen!┬╗ Wie bitte?, dachte ich. ┬źWieso schmei├čen Sie die Rechnung weg?┬╗ Da wurde er pl├Âtzlich ungehalten: ┬źWieso soll ich das Buch bezahlen?┬╗, fragte er.┬źIch lege es doch nach dem Lesen in mein Wartezimmer und mache so Werbung f├╝r Sie! Das bezahle ich nicht!┬╗ Es gibt nicht viele Momente, in denen ich sprachlos bin. Das war einer davon.

Der hat gar nicht geschnallt, worum es geht, und mir das auch noch dreist ins Gesicht gesagt! Er glaubt, er kann einfach ein Buch bestellen und muss es nicht bezahlen! Ich habe ihn ja nicht dazu gezwungen, es zu lesen! Aber leider ist dieser Arzt kein Einzelfall. Aus dem Jahr 2008 gibt es noch einige Hundert Euro an Au├čenst├Ąnden im Verlag meines Mannes, die von ├ärzten und deren Bestellungen meiner Kinderb├╝cher stammen. Wenn ein Arzt zu mir am Telefon sagt, dass er eine Buchbestellung nicht bezahlen will, dann ist das eine Haltung, mit der ich nicht umgehen kann. Da geht es nicht darum, ob er die achtzehn Euro bezahlt. Sondern es geht um genau die Haltung, die ├ärzte einnehmen, den Vorwurf, den sie erheben: dass ihre Leistung nicht ordentlich bezahlt wird! Umgekehrt jedoch lassen sie es nicht gelten! Eine der Erfahrungen, an denen ich lange zu knabbern hatte!

In der ganzen Sache schien es bei vielen ├ärzten keinerlei Unrechtsbewusstsein mehr zu geben. Ich sa├č bei dem oben angef├╝hrten Telefonat fassungslos da, und wenn ich mal sprachlos bin, dann geht es wirklich an die Substanz. Denn wenn ich ├╝berlege, was ich in den letzten Jahren im Umfeld der ├ärzteschaft erlebt habe, kann einem echt die ber├╝hmte Spucke wegbleiben. Wie oft habe ich die Klage geh├Ârt, was wir Patienten uns eigentlich einbilden, uns so gut wie kostenlos von ihnen behandeln zu lassen. Aber dieser Arzt sah, wie vieler seiner Kollegen, den Balken im eigenen Auge nicht. (..)

Fortsetzung folgt ÔÇô mit dem Kapitel: ÔÇťDie Wut der ├ärzteÔÇť

 
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