Fortsetzung 21: “Wer bekommt zu Recht unser Geld?”

Die Hauptfrage ist: Was geht mich die Krankheit eines anderen Menschen an? Nach dem tragischen Skiunfall des deutschen Rennfahrers Michael Schumacher kam eine Frage auf: Sollten sich nicht Leute mit solchen gefĂ€hrlichen Hobbys extra versichern, damit die Kasse das nicht zahlen muss? Plötzlich diskutieren wir darĂŒber, was das Solidarsystem nicht bezahlen sollte. Diesen Streit gibt es nicht nur ĂŒber Michael Schumacher, der sicherlich nicht Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung ist. Was ist aber mit den Rauchern? Sie schaden ihrer eigenen Gesundheit jahrelang und sind sich der Konsequenzen bewusst mittlerweile schreit es ihnen jede Zigarettenschachtel in großen Buchstaben entgegen! Muss dann die Gemeinschaft dafĂŒr aufkommen, dass sie im Alter Krebs oder in einer teuren Operation ihre Beine amputiert bekommen.

Was ist mit den Dicken? Wenn die sich nicht zusammenreißen und nicht genug bewegen, was kann die Gemeinschaft dafĂŒr? Das habe ich ĂŒbrigens schon oft von Ärzten gehört: «Wer so fett ist, soll selbst zahlen! Wenn die wegen ihrer Fettsucht kommen, sollen sie individuelle Gesundheitsleistungen kaufen!» Nicht nur in einem Fall kamen die Ideen von massiven BierbauchtrĂ€gern. Machen wir weiter: Was ist mit Menschen mit Aids? Bluthochdruck? Malaria? HĂ€tten die nicht besser auf sich aufpassen können?

Schließlich sind die verantwortungsbewussten Mitglieder des Gesundheitssystems ja die, die in ihrem Bonusheft Stempel vom Fitnessstudio und Sportverein und einen vorbildlichen Body-Mass-Index haben. Die geben sich MĂŒhe, nichts zu kosten, und die Kassen belohnen das. Aber bekommen dann diejenigen zu Recht Geld, die unverantwortlich waren? Wer hat es verdient, so viel Geld aus diesem Topf zu bekommen, wie nçtig ist? Die Diskussion wird gefĂŒhrt, und sie ist eine gefĂ€hrliche Diskussion! Wer ist denn ein Richter, ĂŒber diese Frage zu entscheiden? Niemand, aber es richten alle, wenn es um fremde Krankheiten geht, und so stigmatisieren wir Menschen!

Wir sagen: «Du bist zu dick», meinen aber: «Du bist zu teuer!» Wer fĂŒhrt hier die Manipulationsrhetorik? Und nach welchem Maßstab richten wir uns da aus? Der Markt im Gesundheitssystem hat unser Denken schon so herumgerissen wie ein Magnet die Kompassnadel. Die PrioritĂ€ten verschieben sich: Es geht nicht mehr um MitgefĂŒhl und MenschenwĂŒrde, sondern um den Preis. Und bei der Preisfrage sind alle anderen Werte fließend. Eine weitere Geschichte, die mich sehr geprĂ€gt hat und die ich deshalb auch immer erzĂ€hle, ist die einer Familie mit drei behinderten Jungen. Diese Geschichte ist fĂŒr mich symptomatisch fĂŒr das System.

Da gibt es jemanden, der eine Krankheit hat. Er ist krankenversichert und hat sich darauf verlassen, dass seine Krankenkasse bezahlt. Aber in diesem Fall hat sie die Familie im Stich gelassen. Ich habe die Geschichte auch im Oktober 2013 bei einem Vortrag in Rheinland-Pfalz vor 1200 Leuten thematisiert und eine Reaktion bekommen, die mir Sorgen bereitet. Ich erzĂ€hlte davon, dass die Krankenkassen im Jahr 2009 Ausschreibungen bei Lieferanten von Inkontinenz-Artikeln gestartet hatten, um ĂŒber gĂŒnstige Preise «Geld einzusparen»! Der Billigste war am Zug, um den Zuschlag zu bekommen. Auch die Kasse der Familie hat diese Art der «Sparmaßnahme» mitgemacht. Zu diesem Zeitpunkt durfte niemand mehr im SanitĂ€tshaus oder in der Apotheke ein Rezept fĂŒr Windeln einlösen. Die Familie war aufgeschmissen!

Die drei Buben waren schon Jugendliche und junge Erwachsene, aber wegen ihrer Behinderung brauchten sie alle Windeln, und plötzlich gab es im SanitĂ€tshaus keine mehr fĂŒr sie. Der neue Lieferant konnte aber erst nach drei Wochen liefern. Und weil sein Angebots-Preis so tief war, musste er das Produkt natĂŒrlich gĂŒnstig machen und schnell nachliefern. Sie hat also eine Palette voll mit Windeln fĂŒr vier Wochen vor der TĂŒr abgestellt. Die Firma hat nach Statistik berechnet, wie viele Windeln drei junge MĂ€nner in dieser Zeit verbrauchen dĂŒrfen, und hat diese Einlagen auf eine Palette gepackt und angeliefert.

Aber wo soll eine Familie so viele Windeln unterbringen? Wir hatten damals schon mit ihnen Kontakt, und so haben sie meinen Mann und mich angerufen, weil sie mit dem Windelberg nicht weiterwussten. Mein Mann hat aus dem Baumarkt MĂŒlltĂŒten geholt, und wir haben auf der Straße die Windeln von der Palette genommen und in die SĂ€cke gepackt und so mit vereinten KrĂ€ften die Palette geleert. Dann die Windeln im Zehnerpack verstaut, wo wir in der Wohnung Platz gefunden haben: unterm Bett, hinterm Schrank, den Rest in den MĂŒllsĂ€cken im Fahrradkeller. Es war August und ziemlich warm, und mein Mann meinte nur in seiner sarkastischen Art: «Schade, dass nicht Winter ist, das wĂ€re eine wunderbare WĂ€rmedĂ€mmung!» Keine Woche spĂ€ter hat mich die Frau wieder angerufen und uns gebeten, schnell zukommen. Ihre Wohnung sei jetzt unbewohnbar, sagte sie am Telefon. Denn die Windeln seien keine Windeln, sondern wĂ€ren wie PlastiktĂŒten, auf die zehn Lagen PapiertaschentĂŒcher geklebt wurden. Und jetzt machen sie Riesenprobleme.

Also sind wir wieder ins AllgĂ€u gefahren und haben nach dieser kurzen Zeit die Wohnung nicht mehr wieder erkannt. Alle Sessel und StĂŒhle waren eingehĂŒllt in dĂŒnne Malerfolie, und in der Wohnung hat es penetrant gestunken. Dann hat die Mutter mir eine Windel gezeigt, und was ich sah, war ein völliger Wahnsinn! So ein Kerl mit neunzig Kilo, der ganz normal isst, hat einen Stuhlgang, der garantiert nicht von dieser Windel gehalten wird. Vom Urin ganz zu schweigen. Also hat sie mindestens zwei, drei Windeln ĂŒbereinander angezogen, um das Nötigste zu halten. Aber wenn die Jungs sich hingesetzt haben, dann ist der Inhalt wegen des schlechten Gummis rechts und links rausgelaufen.

Das sind Situationen, die mich geprĂ€gt haben. Am liebsten hĂ€tte ich so eine volle Windel genommen, um in die Firma zu fahren und sie denen so lange unter die Nase zu halten, bis sie merken, was fĂŒr ein sprichwörtlicher Mist ihr Produkt ist. Nur, wo sollte ich hinfahren? In die Krankenkasse oder in die Firma, die damit ihren Gewinn macht? Oder zu dem SchreibtischtĂ€ter, der irgendwo sitzt und ausrechnet, wie viel Stuhlgang solche jungen Kerle haben, ohne sie jemals gesehen zu haben.

Dann habe ich eine Entscheidung getroffen, und wir haben die BĂŒrgertreffs in der ganzen Region in Aktion gebracht. Viele Menschen sind in die Apotheken und SanitĂ€tshĂ€user gegangen und haben die Leute gebeten, ihre Kunden mit Inkontinenz anzusprechen, dass die sich bei uns melden sollen. Nach zehn Tagen waren es schon so viele, dass wir eine Woche lang die vollen Windeln abgeholt und jeden Morgen bei der jeweiligen Krankenkasse an die TĂŒr hĂ€ngen konnten. Die regionalen BĂŒros meldeten das an die zentralen Stellen. Und dann tat sich endlich etwas. Eine Firma musste nachrĂŒsten, und mittlerweile kann man Rezepte von manchen Kassen auch wieder bei SanitĂ€tshĂ€usern oder in den Apotheken gegen Windeln einlösen.

Wer war hier der SchnĂ€ppchenjĂ€ger? Es war die Krankenkasse, weil sie den billigsten Anbieter wollte. Angetrieben durch das WettbewerbsstĂ€rkungsgesetz der letzten Großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Da sind wir im Markt und nicht mehr im Solidarsystem. Denn dort hĂ€tte die Kasse die Pflicht und Schuldigkeit, nach den BedĂŒrfnissen der Patienten und nicht nach dem billigsten Anbieter zu schauen. Es geht um die WĂŒrde der Menschen, und es ist fĂŒr mich kein menschenwĂŒrdiges Leben, wenn die Möbel voller Stuhlgang kleben oder Kranke sich nachts in der nassen Windel wund liegen mĂŒssen!

So weit sind wir schon bereit, die Schwachen den SchnĂ€ppchenjĂ€gern auszuliefern. Wenige Tage, nachdem ich die Geschichte bei dem Vortrag erzĂ€hlt hatte, bekam ich eine lange E-Mail von einer Zuhörerin. Der Inhalt hat mich wirklich geplĂ€ttet! Sie kam schnell auf den Punkt: «Zum Beispiel diese Familie vom AllgĂ€u mit DREI!! behinderten Kindern und den Windeln – das war sehr unappetitlich und klang fĂŒr mich nach Bildzeitungs-Niveau», schrieb sie mir. Und weiter: «Warum, frage ich mich, muss eine Frau drei behinderte Kinder zur Welt bringen!?» Die Frau regte sich also nicht darĂŒber auf, dass die Kasse eine Familie im Stich gelassen hat, sondern dass die Familie bedĂŒrftig war. In ihren Augen unnötigerweise bedĂŒrftig. Nach dieser Logik mĂŒssten wir die Kassen mittlerweile dafĂŒr loben, dass sie ihre Aufgabe nicht erfĂŒllen, weil sie dadurch ja unser Geld sparen! Vielleicht könnte ja unser Beitrag in Zukunft sinken, wenn wir die unnötig Kranken nicht mehr mitfinanzieren mĂŒssten. Und dazu gehören anscheinend auch Behinderte, denn die hĂ€tten unnötigerweise nicht geboren werden mĂŒssen, womit sie nur unser Solidarsystem belasten.

Die Frau schrieb mir weiter:

«Nach dem ersten behinderten Kind hĂ€tte diese gute Frau verhĂŒten mĂŒssen mit gesundem Menschverstand, oder? Sollen wir diesen Wahnsinn mit unseren BeitrĂ€gen bezahlen, dass die Asozialen Kinder in die Welt setzen – weil es gerade so lustig ist, und der Staat (auch ich) soll dafĂŒr mit unseren BeitrĂ€gen zahlen?»

Ja, wir zahlen. Wir zahlen fĂŒr die Kranken. FĂŒr die Leichtsinnigen und die Behinderten. Wir zahlen dafĂŒr, weil wir selbst durch Leichtsinn krank oder sogar behindert werden können. Das ist das Solidarsystem. Gerade ist aber jeder dabei, dieses System zu plĂŒndern. Die Patienten sind eigentlich die, die das verhindern sollten. Weil sie davon profitieren. Aber wir sind SchnĂ€ppchenjĂ€ger und keine Patienten, und als solche sind wir gerade dabei, uns in die Schlange derer zu stellen, die dieses System ausrauben und abmurksen wollen.

Fortsetzung folgt: „Frau Doktor! Die Kassen sind krank!“

 
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