SchnĂ€ppchenjagd beim Arzt – Fortsetzung 19 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

(..)  Aber jetzt haben wir nun mal den Patienten das Jagen beigebracht. Das Revier erstreckt sich lĂ€ngst auch auf die Praxen. Eine Doktorin stöhnte einmal, dass sich Patienten oft wie im Selbstbedienungsladen auffĂŒhrten. Da kĂ€men Rezept-WĂŒnsche per E-Mail, die dann am besten gleich per Fax an die Apotheke geschickt werden sollten. Das spart Zeit, aber beim Geldsparen gibt es auch kreative Ideen. Eine davon kommt aus der Zeit, als in Deutschland Patienten noch zehn Euro PraxisgebĂŒhr bezahlen mussten. Und so lautet sie:Wenn bei einem Paar beide Partner dasselbe Medikament benötigen, zum Beispiel BlutdruckprĂ€parate, wĂ€re es doch dumm, zu zweit in die Praxis zu gehen und somit zweimal zehn Euro zu bezahlen! Also geht nur einer von den beiden und lĂ€sst sich das Rezept ausstellen, jedoch mit der doppelten Menge! Die Geschichte hat mir die erwĂ€hnte Ärztin erzĂ€hlt. Sie hat dann irgendwann geschaltet: Die teilen sich die Medikamente und sparen so eine PraxisgebĂŒhr. Die Ärztin aber (jetzt muss ich die Ärzte in Schutz nehmen) bekommt von der KassenĂ€rztlichen Vereinigung nur einen Fall erstattet, nĂ€mlich den, dessen Kassen-«GlĂŒckskarte» eingelesen wird. Und so betrĂŒgen diese Patienten nicht das große, gesichtslose System, sondern ihre eigene HausĂ€rztin in der Nachbarschaft.

So eine SchnĂ€ppchenjĂ€gerin habe ich auch bei einem Treffen unserer BĂŒrgerschulterschluss-Initiative kennen gelernt. Sie hat sich tierisch aufgeregt ĂŒber ihren Arzt. Sie war krank gewesen, und der Arzt hatte ihr nur ein Rezept fĂŒr 20 Tabletten gegeben. Sie wollte aber 100 Tabletten haben. Der Arzt hatte sich nicht darauf eingelassen. Ihre Krankheit war nichts Langwieriges, und ich konnte nicht verstehen, was so schlimm an der Sache war. «Es kann doch sein, dass die 20 ausreichen», habe ich gesagt und im Kopf ĂŒberschlagen, dass solch ein Rezept billiger fĂŒr sie ist. «Was soll daran billiger sein?», hat sie mich empört gefragt.Ž«Wenn ich nur 20 Tabletten bekomme und brauche dann doch mehr, muss ich in der Apotheke wieder dazuzahlen!» Erst in dem Moment verstand ich die Rechnung: NatĂŒrlich ist die Hunderter-Packung teurer. Aber diesen Preis zahlt nicht die Patientin, sondern die Kasse, also die Gemeinschaft. Sie störte vielmehr der Preis, den sie selbst in der Apotheke noch mal drauflegen mĂŒsste. Als ich ihr dann sagte, dass dann wahrscheinlich 80 Tabletten bei ihr rumliegen und verfallen wĂŒrden, meinte sie, das sei ihr wurscht. FĂŒr viele sind das Lappalien. Diese Frau wird die Gesundheitsversorgung nicht zum Erliegen bringen. Solche Geschichten erzĂ€hle ich aber mit einem unguten GefĂŒhl: Es zeigt deutlich, wie wir selbst den Kontakt zu unserem Solidarsystem verloren haben und es im Stich lassen. Mein Eindruck ist, dass es vielen schon herzlich egal geworden ist und sie sich gar nicht mehr fĂŒr die ZusammenhĂ€nge und den Sinn unserer Versorgung interessieren. Die Kassen packen uns bei unserem Ego und lehren uns, unsere Versicherung als einen Vertrag zu verstehen, den wir genauso gut auch fĂŒr unser Telefon hĂ€tten abschließen können. Da freuen wir uns auch, wenn wir einen vorteilhaften Tarif und attraktive PrĂ€mien bekommen. Die Botschaft der neuen Krankenversicherung ist: Wir können fĂŒr uns etwas rausschlagen. Nicht mehr bezahlen als nötig! Das ist perfektes Werbedeutsch, und bei einem Telefontarif fĂ€nde ich es angemessen-

FĂŒr unser Gesundheitssystem ist es ein Desaster. SchnĂ€ppchenjĂ€ger sind Pfennigfuchser und schauen aufs Geld. Und was passiert, wenn sie kapieren, dass dieses System allen dienen soll und nicht ihnen allein? Dann werden sie nicht großzĂŒgiger, sondern geiziger. Sie sind ja mittlerweile dafĂŒr trainiert, auf den Preis zu achten! Und wehe, einer ist zu teuer! Teuer werden Patienten dann, wenn sie schwer krank sind. (..)

Fortsetzung folgt:  “Warum ein besserer Rollstuhl? GelĂ€hmt ist gelĂ€hmt!”

 
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