Fortsetzung 18 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Sirenenschreie

FĂĽr die Kassen ist das Werbung. 2007 hatte die GroĂźe Koalition unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Wettbewerbsstärkungsgesetz erlassen. Wieder so ein WortungetĂĽm. Es sollte mehr Wettbewerb unter den Krankenkassen bringen, denn Wettbewerb sei immer gut fĂĽr die Kunden. Aber sind wir nicht eigentlich Kassenmitglieder und, wenn wir krank werden, Kassenpatienten? Eigentlich sollte die Kasse doch nur treuhänderisch unser Geld verwalten und nicht Wettbewerb betreiben. Mittlerweile sehen uns die Kassen aber auf jeden Fall als ihre Kunden an. Und seitdem es den Gesundheitsfonds gibt, buhlen sie um Mitglieder. Denn je mehr sie haben, desto mehr Geld bekommen sie, und desto mehr Macht haben sie. Und so bombardieren sie uns mit Werbung und Angeboten, als wären wir unterwegs in der FuĂźgängerzone. Das Wort Krankenkasse ist dazu auch nicht mehr sexy genug, also nennt man sich zum Beispiel lieber «Ihre DAK-Gesundheit». Vor einiger Zeit wurde in Medizinerkreisen noch schwer das Ă„rzte-Hopping beklagt, bei dem die Patienten von Arzt zu Arzt rennen. Dagegen scheint das Krankenkassen-Hopping richtig gewollt zu sein. Dabei ist die Idee vom Wettbewerb ein groĂźer Schmarren. Denn das Angebot ist ĂĽberall gleich. Der Versicherungsbeitrag ist in Deutschland per Gesetz fĂĽr alle festgeschrieben. Die jetzige GroĂźe Koalition plant zwar, dass die Kassen bald Zusatzbeiträge festlegen dĂĽrfen. Aber das ist Zukunftsmusik – noch zahlen alle dasselbe. Und warum sollte ich denn in die Kasse A wechseln, wenn sie mich genauso viel Geld kostet wie Kasse B? Die Kassen haben sich darum etwas einfallen lassen! Sie machen kleine Geschenke fĂĽr die Geldbeutel ihrer Kunden. Denn Schnäppchenjäger schauen immer zuerst in ihren Geldbeutel und selten weiter. Die Techniker Krankenkasse warb beispielsweise in der Zeitung und im Radio mit einer Wechselprämie von 80 Euro. «Davon können Sie sich zum Beispiel neue Sportschuhe kaufen, die Sie gut fĂĽr unsere Angebote nutzen können», flötete die Anzeige. Ăśbrigens, mit «Angebote» waren die verschiedenen ZuschĂĽsse fĂĽr sportliche Aktivitäten gemeint. Die Frage ist nur: Woher kommen denn diese 80 Euro? Die hat die Gemeinschaft in einen Topf einbezahlt. Und daraus bedient sich jetzt eine Krankenkasse, um Schnäppchenjäger zum Wechsel zu animieren. Die DAK legte sogar noch einen drauf und sagte im Januar 2014, dass fĂĽr eine Familie pro Jahr eine RĂĽckzahlung von 600 Euro drin sei. DafĂĽr mĂĽssen die Mitglieder einige Voraussetzungen erfĂĽllen. Der Deal ist, dass sie einen Gesundheitsfragebogen ausfĂĽllen, Vorsorgeuntersuchungen machen und auĂźerdem bei Blutdruck oder Gewicht gute Werte erzielen. Und sie mĂĽssen bereit sein, bis zu einer vereinbarten Höhe selbst fĂĽr «bestimmte medizinische Leistungen» aufzukommen. Das ist dann wie bei der Autoversicherung – den Lack fĂĽr den Kratzer an der StoĂźstange zahle ich auch selbst, wenn ich mich auf eine Selbstbeteiligung eingelassen habe. Aber eine Krankenkasse ist keine Autoversicherung. Mich erinnert das stark an die privaten amerikanischen Versicherungskonzerne. Dahin will die DAK uns anscheinend Schritt fĂĽr Schritt umerziehen. Denn fĂĽr unsere Bereitschaft winkt sie mit einer dicken Prämie. Sie bekommen also Geld, wenn Sie gesund sind – wenn Sie krank werden, werden Sie zum Bittsteller! Dieses System ist schizophren! Als ich mit einer Ă„rztin ĂĽber diesen Tarif gesprochen habe, ist die schier an die Decke gegangen. «Die Kassen sagen ihren Mitgliedern immer: ‹Gehen Sie zum Hausarzt, der macht das!›», regte sie sich auf. Die DAK zahlt zum Beispiel fĂĽr gute Gesundheitswerte 60 Euro im Jahr an die Mitglieder. FĂĽr den von der Kasse geforderten Bonusstempel bekommt der Arzt aber nichts. Allein fĂĽr den Body Mass – Index muss eine Arzthelferin mit dem Patienten zur Waage gehen, und die Ă„rztin rechnet das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht am Computer aus. FĂĽr diese Arbeit sieht sie kein Geld. «Ich habe gesagt, wir machen das nicht mehr umsonst!», sagte die Ă„rztin wĂĽtend. «Jetzt verlangen wir fĂĽnfzehn Euro dafĂĽr!» Und schon wieder reden wir nur ĂĽber Geld, Gier, Neid und Missgunst. Aber der DAK-Tarif geht mit seiner Umerziehung noch weiter. In ihrem Mitgliedermagazin zeigt sie einen jungen Mann, der den Tarif anpreist. Auf einem Foto steht er schĂĽchtern lächelnd in einem Trödelgeschäft, sechs hässliche Untertassen in der Hand, und der Text verrät ĂĽber ihn: «Bei einem guten Angebot kann ich nicht widerstehen. Deshalb finde ich es spannend, in Antiquariaten zu stöbern oder auf Flohmärkten zu feilschen, und dafĂĽr nehme ich mir auch gerne Zeit.» Aha, feilschen! Und weiter: «Dabei geht’s mir weniger um das Sparen: Es ist einfach ein gutes GefĂĽhl zu wissen, dass ich nicht mehr bezahlt habe als nötig – vielleicht sogar weniger.» Da steht er also, der Schnäppchenjäger, und ich bin dankbar fĂĽr den Einblick in seine tiefste Seele. Ich dachte, es geht uns immer nur ums Geld und darum, noch mehr davon zu kriegen. Die DAK klärt uns aber auf: Es ist einfach ein gutes GefĂĽhl, nicht mehr als nötig zu bezahlen. FĂĽr sich selbst, versteht sich! Dieser Mann auf dem Foto ist ja erkennbar jung und gesund. Klar, dass er da nicht viele Arztkosten hat. Wenn er mir nicht auf einem Werbefoto, sondern in echt begegnen wĂĽrde, wĂĽrde ich ihn nur zu gerne fragen: «FĂĽr wen bezahlen wir noch mal unsere Kassenbeiträge?» Wenn unser System so aussähe, dass wir zur Bankgehen und dort eine Gesundheitsversicherung abschlieĂźen, die wir ansparen und die uns dann ausbezahlt wird, wenn wir krank werden, hätte ich gar nichts gegen die Schnäppchenjägerei. Na klar ist es dann ein gutes GefĂĽhl, nicht den teuren Tarif abgeschlossen zu haben. Aber unser Solidarsystem wird uns so verkauft, dass unser Geld fĂĽr Menschen ist, die es aufgrund ihrer Krankheit und ihres Alter brauchen. Also nicht fĂĽr uns, sondern fĂĽr die, die gerade in diesem Moment nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert werden. Die alle zwei Tage zur Dialyse mĂĽssen, weil ihre Nieren kaputt sind. Die Mitte achtzig sind und mehr Medikamente brauchen. Sie alle können nicht mehr feilschen und fĂĽr sich das Beste rausschlagen. Es geht um ihr Leben und ihre WĂĽrde. Und entlarvt sich unsere Sparsamkeit nicht, wenn wir uns fĂĽr einen Moment vorstellen, diesen Menschen ins Gesicht zu sagen: «Es ist ein gutes GefĂĽhl, wenn ich fĂĽr dich nicht mehr zahle als nçtig. Besser sogar weniger!»?

Aber das Geld, das uns die Kassen als Bonus oder Rabatt schenken, geht von dem Geld für die Behandlung der Kranken ab. Die Kassen erwirtschaften ja keine zusätzlichen Gelder mit dem Verkauf von ¾pfeln oder Klosterfrau Melissengeist! Sie verpulvern stattdessen Millionen für Werbung, um uns die Lockangebote überhaupt erst schmackhaft zu machen. Und auch in anderen Bereichen schneiden sie sich die Prämien nicht durch Sparsamkeit etwas aus dem Fleisch. Wie im nächsten Kapitel klar wird, sind die Kassen alles andere als Sparfüchse, wenn es um ihre Gehälter oder Gebäude geht. Nein, das Geld kommt aus der einzigen Quelle, aus der sie sich frei bedienen können: unserem Beitragsgeld. Warum sollte ich da noch einzahlen, wenn sie damit die Urlaubskasse ihrer Mitglieder aufpäppeln? Um Geschenke geht es doch nicht! Aber das scheinen wir vergessen zu haben. Dieses marktschreierische System funktioniert, und es funktioniert nur, weil es unser gieriges Ego erlaubt. Das ist bei den Ärzten nicht anders. Das ist im Krankenhaus nicht anders. Das ist bei den Politikern nicht anders. Und auch nicht bei uns Patienten. Das Gesundheitssystem ist für mich das Spiegelbild einer durch und durch egoistischen Gesellschaft, in der nur noch das ICH zählt. (..)

Fortsetzung folgt: „Schnäppchenjagd beim Arzt“

 
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