Fortsetzung 17 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Der Bonus fĂŒr die Gesunden

Die Indianer vom Stamme Nimm der Ärzte haben Cousins und Cousinen unter den Patienten: die SchnĂ€ppchenjĂ€ger. Sie wollen etwas aus diesem Gesundheitssystem rausholen. Denn gefĂŒhlt hat es ihnen bisher nicht viel geholfen. Eine Bekannte kam mal zu mir und streckte mir sehr offensichtlich ihre FĂŒĂŸe entgegen. Es war Sommer, ihre FĂŒĂŸe steckten in offenen Sandalen, und die Zehen klimperten aufreizend. «Na? Wie findest du meine FĂŒĂŸe?», fragte sie mich. Ich wusste nicht, was sie meinte. Hatte sie neue Schuhe gekauft? «Ich war bei der Fußpflege!», klĂ€rte sie mich auf, nachdem ich nicht selbst auf diesen weltbewegenden Unterschied gekommen war. Ich muss gestehen, dass ich den Leuten nicht so oft auf die Fußzehen starre! Aber das war wirklich eine Neuigkeit: Fußpflege! Meine Bekannte hatte noch nie davon gesprochen. Wie sich dann herausstellte, war sie in ihren ĂŒber fĂŒnfzig Lebensjahren auch noch nie dort gewesen. Doch eines Tages hatte sie entdeckt, dass ihre Krankenkasse Fußpflege-Prozente fĂŒr ihre Mitglieder anbietet, und zugeschlagen. «Wer zahlt das?», fragte ich sie und bekam die gleiche Antwort wie von den Frauen beim Pilates-Kurs: «Das ist mir egal! Wenn ich schon nicht krank werde, dann muss ich schauen, wie ich mein Geld wieder rauskriege!» Die Kassen haben uns SchnĂ€ppchenjĂ€ger sehr schnell durchschaut. Ganze Bonushefte mit Rabatten werden angeboten. Mitglieder können sogar in Restaurants billiger essen. Als ich begonnen habe, mich mit dem Gesundheitssystem zu befassen, wollte ich die Patienten aufklĂ€ren. Daraus ist eine BĂŒrgerinitiative entstanden, und es gibt Treffen ĂŒberall in Deutschland, in denen sich Patienten ĂŒber das Gesundheitssystem austauschen

und informieren. Diese Abende haben meistens ein Thema, und danach sitzt man noch zusammen. Im bayerischen Schwaben hatte sich eine Gruppe in der Volkshochschule getroffen und mich zu einem Vortrag eingeladen. Danach wollten wir gemeinsam eine Pizza essen gehen. «Aber wir gehen schon dahin, wo es billiger ist!», sagte eine Teilnehmer in und wedelte mit dem grĂŒnen Heft. «Wer ist denn noch alles bei der AOK?» Vier oder fĂŒnf waren dabei, und die wĂ€lzten zusammen das Heft auf der Suche nach einer im AOK-Heft aufgefĂŒhrten Pizzeria. Dann fing ich wieder mit dem Solidarsystem an: «Wieso mĂŒssen wir jetzt dahin gehen?» Ich kann da sehr penetrant sein, denn wir verstehen immer weniger, was die Kassen fĂŒr uns leisten sollen. Es ist doch nicht wichtig, dass ich gĂŒnstiger «Holiday on Ice» sehen und billiger das Legoland besuchen kann. FĂŒr mich ist wichtig, dass mich mein Arzt richtig behandeln kann und ihn sein Computer nicht nach fĂŒnf Minuten daran erinnern muss, dass hier ein SchnĂ€ppchenjĂ€ger vor ihm sitzt und mehr Behandlungszeit fĂŒr ihn nicht mehr drin ist. Die Werbegeschenke werden bezahlt aus dem Topf, in den wir alle mit dem Vertrauen einzahlen, dass dieses Geld da sein wird, wenn wir Hilfe brauchen. Vielleicht haben Sie selbst gemerkt, dass es absurd ist, den Gesunden ErmĂ€ĂŸigungen zum Beispiel fĂŒr fettige Pizzen und Eintrittskarten zu geben. Ein aktuelles Bonusprogramm verteilt Punkte fĂŒr Untersuchungen und Sport. Sportvereine, Fitnessstudios und Ärzte können ihren Stempel reinsetzen, und die Fleißigen dĂŒrfen sich dann eine PrĂ€mie aussuchen. So umwerfend ist das Angebot eigentlich nicht, es erinnert stark an die QualitĂ€t der Leser-werben-Leser-PrĂ€mien, die Tageszeitungen anbieten. FĂŒr die Fleißigen gibt es bei manchen Kassen eine kleine Kaffeemaschine (Zitat: «Lecker!»), fĂŒr die Mittelerfolgreichen ein BlutdruckmessgerĂ€t, und am hinteren Ende ist manchmal eine Gartenschere oder eine Zitruspresse drin. Eine Gartenschere? Eine Zitruspresse? Das ist nichts, was ich als lebensnotwendiges Angebot meiner Krankenkasse betrachte. Aber anscheinend funktionieren diese PrĂ€mien prĂ€chtig. «Manche Patienten sind richtig geil drauf!», sagte ein Arzt zu mir, «die fragen mich immer nach Stempel und Unterschrift.» NatĂŒrlich wird hier das Gegenargument gebracht, da gehe es um PrĂ€vention. Ziel sei, dass die Leute gesĂŒnder leben, das komme der Allgemeinheit zugute. Ich bin aber selbst fĂŒr meine Gesundheit verantwortlich. Ich habe mir ein Fahrrad gekauft, um mich zu bewegen, und zahle meinen Pilates-Kurs selbst, weil es mir gut tut. Da muss mir die Krankenkasse keine Gartenschere hinhalten wie der Bauer dem Esel eine Karotte. In Wirklichkeit sind es ganz gezielte Marketinginstrumente, um die Leute an ihre Krankenkasse zu binden. Oder zum Wechseln zu animieren. Denn diese Lockangebote spielen mit dem Egoismus und unserer Gier nach SchnĂ€ppchen.

Fortsetzung folgt: Kapitel „Sirenenschreie“

 
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