Kapitel 15 ( Nichts mehr wert) aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Nichts mehr wert

Diese Angst kommt von der Unsicherheit, ob man noch die n√∂tige Hilfe bekommen wird. Das Gesundheitssystem hat dabei grundlegend das Verst√§ndnis vom Menschen und seiner Gesundheit ver√§ndert. Eigentlich sind wir f√ľr das Gesundheitssystem keine Menschen mehr. Das M√§rchen vom Solidarsystem erz√§hlt uns immer, dass jeder getragen wird und die Hilfe bekommt, die er braucht. Das stimmt aber nur bedingt. Der Mensch an sich hat keinen Wert mehr, behandelt zu werden. Der Frau mit dem Knoten am Hals war nicht mehr bewusst, dass sie als Mensch ein Recht auf eine Behandlung hat. Stattdessen glaubte sie, dass sie ihrem Arzt zur Last fallen und sein Budget sprengen w√ľrde. Die Optimierer des Systems haben nicht nur den Bergdoktor umgebracht, sie erobern auch gerade Zentimeter f√ľr Zentimeter unser Selbstverst√§ndnis. F√ľr mich ist es elementar f√ľr die W√ľrde des Menschen, dass wir das Recht haben, in unserer Not behandelt zu werden. Dass wir alles in unserer Macht Stehende tun m√ľssen, um Menschen gesund zu machen. Doch diesen Wert besitzen wir nur noch bedingt. N√§mlich nur solange wir unsere Gesundheitskosten nicht √ľberstrapazieren. Und jetzt haben wir Angst, dass eines Tages unser Konto aufgebraucht sein wird. Genau diese Angst der Unbezahlbarkeit wird uns immer wieder suggeriert. Jetzt muss nat√ľrlich prompt der Einwand kommen, dass in Deutschland kein Notfall abgewiesen werden darf. Vor etwa zwei Jahren habe ich jedoch einen Brief von einer Frau bekommen, die eine andere Geschichte erz√§hlte. Sie war stinksauer und verzweifelt. Ihr Mann hatte schwer krank vier Monate lang im Krankenhaus gelegen: Infekte der Lunge, Schlaganfall und wieder neue Infekte. Im August 2012 wurde er aus dem HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin entlassen. Die Klinik faxte den Arztbericht an den weiterbehandelnden Hausarzt. Einen Tag sp√§ter rief Frau A. den Hausarzt an, um die weiteren Schritte zu besprechen. Ob sie in die Praxis kommen solle, fragte sie die Arzthelferin. Die Antwort, die sie bekam, h√§tte sie im Leben nicht erwartet: ¬ęNein¬Ľ, h√ßrte sie aus dem H√ßrer. ¬ęDer Herr Doktor behandelt Ihren Mann nicht mehr, holen Sie alle Unterlagen ab, sie liegen bereit!¬Ľ Frau A. war keine √ľberforderte, uninformierte Patientin. Sie kannte das System, denn sie hatte ein Jahrzehnt als Chefsekret√§rin eines Klinikchefs gearbeitet. Sie hatte viel erlebt, aber doch nicht genug, um das zu erwarten, was sie jetzt am Telefon h√∂rte. Ihr Mann war drei√üig Jahre lang pflichtversichert. Jetzt wurde er, kurz nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, von seinem Hausarzt einfach vor die T√ľr gesetzt! Sofort machte sie sich auf den Weg in die Praxis. Als ihr am Tresen kommentarlos die Unterlagen ihres Mannes √ľberreicht wurden, √∂ffnete sich die T√ľr zum Behandlungszimmer. Der Arzt kam heraus, das war ihre Chance! ¬ęWarum lehnen Sie die weitere Behandlung meines Mannes ab?¬Ľ, fragte sie ihn. Er erwiderte kurz: ¬ęWenn ich das sehe, die vielen Medikamente, die Ihr Mann bekommen soll, das mache ich nicht! Das kommt gar nicht in Frage, das ist eine Luftnummer!¬Ľ Ihr Mann ‚Äďeine Luftnummer? F√ľr den Arzt war er nur noch ein Patient, der kein Geld brachte. Stark behandlungsbed√ľrftig, teure Medikamente, viele Hausbesuche.

Zwischen Entsetzen und Verzweiflung fragte sie den Arzt: ¬ęVereinbart sich Ihr Handeln mit der √§rztlichen Ethik und der F√ľrsorgepflicht? Fast drei√üig Jahre lang war mein Mann bei Ihnen Patient, und nun lehnen Sie ihn einfach ab, das ist nicht in Ordnung.¬Ľ Der Arzt antwortete nicht mehr, sondern verschwand gru√ülos in seinem Zimmer. Der ganze Wortwechsel spielte sich am Tresen der Praxis ab. Etwa einen Meter entfernt sa√üen Patienten auf Besucherst√ľhlen. Dass sie miterlebten, wie der Arzt einen Patienten vor die T√ľr setzte, st√ßrte weder den Herrn Doktor noch die Angestellte. Die besch√§ftigte mittlerweile eine andere Sache. Sie bat Frau A. um ihre Versichertenkarte. ¬ęVersichertenkarte, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst?¬Ľ, fragte Frau A. und reimte sich zusammen, was das sollte: Der kurze Streit auf dem Flur war schon der notwendige pers√∂nliche Kontakt, den der Arzt brauchte, um eine Zahl eintragen und abrechnen zu k√∂nnen. Die wollten doch tats√§chlich f√ľr die Abweisung ihres Mannes noch Honorar verlangen, wozu sie die Karte einlesen mussten. Sie verlie√ü kopfsch√ľttelnd die Praxis, unter ihrem Arm die Unterlagen ihres Mannes. Die Frau hat sp√§ter der Kassen√§rztlichen Vereinigung geschrieben, die diesem Herrn die Kassenzulassung gegeben hatte. Eine Antwort bekam sie nicht. F√ľr mich ist das die Perversion unseres Gesundheitssystems. √Ąrzte und Patienten haben sich beide diesen Wahnsinn nicht ausgedacht. Die Kassenmitglieder k√∂nnen auch nicht entscheiden, was an Honoraren bezahlt wird. Genauso gut kann ein Arzt oder eine √Ąrztin nicht dauernd ein Minus erwirtschaften oder riskieren, wegen zu teurer Behandlungen die Kontrolleure der Kassen√§rztlichen Vereinigung auf der Matte stehen zu haben. Es sind die Rahmenbedingungen, die das vorgeben. Und das Verr√ľckte ist, dass wir uns nicht als Opfer dieses Wahnsinns verb√ľnden und die Entscheider zwingen, etwas zu √§ndern. Sondern wir lassen uns als Feinde gegeneinander in Position bringen. Der schlafende Riese Patient k√∂nnte viel bewegen, wenn er nur aufwachen w√ľrde. Das tut er aber (noch) nicht. Stattdessen l√§sst er sich einlullen von den Gutenachtgeschichten der Krankenkassen, dass er von diesem System profitieren k√∂nne. Er muss dazu nur vergessen, dass er Patient ist, und seine wahre Natur annehmen: die des Schn√§ppchenj√§gers. (..)

Fortsetzung folgt Kapitel: Vom Patienten zum Schnäppchenjäger

 
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