Fortsetzung 14 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Die Wut der Ärzte

Vielleicht wundern Sie sich, dass es in diesem Kapitel nur um B├╝rokratie und Gewinn geht. Genauso habe ich mich in den acht Jahren immer wieder wundern m├╝ssen, in denen ich ├╝ber das Gesundheitssystem recherchiert habe. In fast allen Diskussionen mit ├ärzten ging es nur ums Geld. Das ist Fakt. Tats├Ąchliche Ausnahmen sind die wenigen ├ärzte oder ├ärztinnen, die ich als Minderheit bezeichne. Mit denen ich gerungen habe um die W├Ârter Arzt und Patient, darum, Mensch und Menschlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Die bereit sind, diesem System die Stirn zu bieten, selbst mit der Gefahr des Existenzverlustes im Nacken. Auch die gibt es, und auch dar├╝ber werde ich in der Folge noch berichten! Bei der Masse der ├ärzte stehen aber die Patienten hinter der B├╝rokratie zur├╝ck. Es wird gesucht nach unausgesch├Âpften Geldquellen, nachdunklen Abrechnungsecken, in die niemand so schnell reinschauen kann. Es wird gepl├╝ndert, was nicht niet- und nagelfest ist. Denn es steht ihnen ja zu. Die Haltung der Masse ist: Wir leisten mehr, als wir verdienen. Wir werden betrogen!

Nat├╝rlich ist diese Ansicht bis zu einem gewissen Grad berechtigt. M├Ąnner und Frauen m├╝ssen sechs Jahre studieren, um Arzt werden zu k├Ânnen. Sie fangen viel sp├Ąter an, f├╝r ihre Altersvorsorge Rentenbeitr├Ąge zu bezahlen. Keine Frage, dass ihre Ausbildung honoriert werden muss. Ich hatte bei einem Vortrag in Nordrhein-Westfalen eine Begegnung, die mir geholfen hat, diese Unzufriedenheit zu verstehen. Nach einer Veranstaltung sa├č ich noch mit einer Gruppe Doktoren zusammen. Dabei kam ich ins Gespr├Ąch mit einem jungen Mann, etwa Ende drei├čig, der mir erz├Ąhlte, dass er seine Praxis in der dritten Generation f├╝hrt. Er hat sie von seinem Vater ├╝bernommen und der wiederum von seinem Gro├čvater. Dieser junge Mediziner hat mich auf den Trichter gebracht, woher dieses Gef├╝hl bei den ├ärzten kommt, dass ihnen etwas vorenthalten wird. Seine Enkelpraxis ist im Vergleich zu der seiner Vorfahren ein optimiertes Klein-Unternehmen. Die ganze Verwaltung erfolgt elektronisch, Papier gibt es nicht mehr. Seine Arzthelferinnen, die mittlerweile medizinische Fachangestellte hei├čen, hat er von Coaches ausbilden lassen, dass sie am Tresen individuelle Gesundheitsleistungen verkaufen ÔÇô die schon erw├Ąhnten IGeL – Leistungen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen, ohne dass der Arzt das mit der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung abrechnen muss. Daran ist absolut nichts Verwerfliches, wenn Patienten zus├Ątzliche Leistungen wollen und da f├╝r direkt bezahlen. Dieses Beispiel soll nur zeigen, wie dieser junge Mann seine Praxis f├╝hrt. An dem Abend sagte er zu mir:┬źMein Gro├čvater war schlechter ausgebildet als ich. Und er hat genauso viele Patienten gehabt wie ich. Aber er hat damals das Zehnfache verdient.┬╗ Ich habe den Eindruck, dass diese goldene Vergangenheit den ganzen Berufsstand fasziniert. Es sind Geschichten, die sich die Doktoren gerne erz├Ąhlen ÔÇô wie Lagerfeuer – Geschichten ├╝ber die gro├čen Erfolge von damals! Und so jagen sie dem verlorenen Paradies nach und berichten, wie fr├╝her alles besser war. Da gab es noch richtige Geschenke der Pharmafirmen! Ein Arzt sa├č mal in meinem B├╝ro und hat geschw├Ąrmt von einem Pharmareferenten, der fr├╝her eine ganze Garage voll mit Geschenken der Firma hatte. Sogar eine Komplettausgabe des Brockhaus war dabei, f├╝r einen Arztsohn, der damals Abitur gemacht hatte. Dieser Blick zur├╝ck verschleiert, dass der Stamm Nimm auch heute noch ganz gut bedient wird. Heute verlangt die Pharmafirma von ihm zwar 75 Euro f├╝r eine dreit├Ągige Fortbildung in Berlin, um nach au├čen zu demonstrieren: Arzt zahlt selbst. Nur dass es sich bei dem Preis um mehr als nur ein Schn├Ąppchen handelt, wird verschwiegen. Denn es sind Verpflegung, Flug, Hotel├╝bernachtung und Freizeitprogramm inklusive. Die goldene Vergangenheit ist der Ma├čstab. Da war man noch wer! Ein Herr Doktor oder ein Halbgott in Wei├č! Da bekam man von der Gesellschaft die Anerkennung und die Privilegien, die einem zustanden! Und nat├╝rlich richtig viel Geld. Das alles fehlt heute und macht unzufrieden. Diese nagende Unzufriedenheit muss irgendwann mal raus. Unzufriedene ├ärzte kenne ich jede Menge ÔÇô sie sind w├╝tend auf das heutige Gesundheitssystem. Und diese Wut entl├Ądt sich an denen, die die ├ärzte irrt├╝mlich f├╝r die Nutznie├čer halten: an den Kassenpatienten!

Ich habe so viele ver├Ąchtliche Kommentare von ├ärzten ├╝ber Kassenpatienten geh├Ârt, dass ich froh bin, dass die Patienten nicht wissen, was manche ├ärzte ├╝ber sie reden, wenn mal zehn zusammen an einem Tisch sitzen. Sie leben von uns Kassenpatienten, aber das vergessen sie gerne sehr schnell wieder. Sie tun so, als w├Ąre es etwas ganz Tolles f├╝r Kassenpatienten, von ihnen behandelt zu werden. Dass es eigentlich eine Ehre f├╝r uns sein m├╝sste, dass sie uns ins Behandlungszimmer bitten, wo wir doch schuld an ihren geringen Honoraren sind. Das macht ein schlechtes Gewissen und erzeugt Angst. Diese Woche hat mich eine Frau aus Wismar angerufen. ┬źFrau Hartwig, ich habe hier einen Knoten am Hals, und ich habe Angst!┬╗ Ich habe sofort abgeblockt und wollte mich nicht auf das Gespr├Ąch einlassen, weil ich medizinische Fragen weder beantworten will noch kann. Ich habe h├Âchsten Respekt vor der Ausbildung der ├ärzte, und f├╝r solche Fragen fehlt mir die Kompetenz ÔÇô ich habe nicht Medizin studiert. ┬źDa sind Sie bei mir vollkommen falsch, da m├╝ssen Sie zum Doktor! Wieso rufen Sie bei mir an?┬╗ Dann sagt sie: ┬źIch rufe nicht wegen des Knotens an! Mein Doktor hat mir schon im letzten Quartal gesagt, dass ich wegen meiner anderen Diagnosen zu teuer bin.┬╗ Und jetzt hatte sie Angst, dass sie mit ihrem Knoten noch teurer wird, und wollte meinen Rat, ob der Arzt sie wegschicken oder ihr Medikamente verweigern kann. ┬źSo ein Bl├Âdsinn!┬╗, habe ich ihr gesagt. ┬źSie gehen jetzt zum Arzt!┬╗ Ich habe mindestens zwanzig Minuten mit der Frau telefoniert, solche Angst hatte sie. Ich sollte mal aufschreiben, was mir Patienten auf den Anrufbeantworter sprechen. Und der ist jeden Morgen neu voll. Ich bin ├╝berzeugt, dass diese Frau, bevor sie die T├╝rklinke in die Hand genommen hat und in die Praxis rein gegangen ist, noch mit sich k├Ąmpfen musste. Dabei hat sie ganz vergessen, dass sie und die anderen Kassenpatienten diesen Arzt finanzieren. Er hat sich daf├╝r entschieden, Kassenpatienten zu behandeln, und eine Kassenzulassung beantragt. Freiwillig, er wurde nicht dazu gezwungen. Er wei├č, dass jeden Tag Patienten in seine Praxis kommen. Andere Selbst├Ąndige wissen nicht, ob sie jeden Tag einen Auftrag haben werden. Darum finde ich diese Haltung gegen├╝ber Kassenpatienten schlichtweg charakterschwach. Aber viel wichtiger ist die Frage, woher die Angst der Patientin kommt.

Fortsetzung folgt …….mit Kapitel “Nichts mehr wert”

 
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