Fortsetzung 13 aus meinem Buch „Der goldene Skalp

(..) Es war nicht das letzte Mal, dass ich Angehörige dieses bisher noch selten erforschten Stammes Nimm getroffen habe. Ein Markenzeichen sind ihre großen Stofftaschen, die sie zu Veranstaltungen mitbringen. Auf Ärztekongressen und Hausarzttagen sind im Foyer viele Firmen aus der Pharma- und Medizinbranche vertreten, die Werbegeschenke verteilen: Lineale, Blöcke, Radiergummis, Bleistifte, Bonbons, Kugelschreiber. Es sind nicht wirklich Kostbarkeiten, aber für viele Ärzte scheinen sie immensen Wert zu besitzen. Mir kam es manchmal vor, als wäre eine Mannschaft Messies auf Betriebsausflug. Auf einer Veranstaltung in Essen griff neben mir ein Arzt mit beiden Händen in eine Kiste mit Kugelschreibern. Er machte so reiche Beute, dass selbst seine Enkel niemals Mangel an Kugelschreibern leiden werden. «Wie viele Praxen haben Sie denn, dass Sie so viele Stifte brauchen?», fragte ich ihn damals. Er meinte nur: «Wieso? Die kosten doch nichts!» Die Stofftaschen – die sie von den Firmen übrigens auch geschenkt bekommen – waren gut gefüllt an diesem Tag in Essen. Das ist natürlich zum Schmunzeln. Ich habe aber auch ärgerlichere Situationen erlebt. Ich habe schon mehrere Bücher über das Gesundheitssystem und seinen Irrsinn geschrieben. Eins erschien im Verlag meines Mannes. Ende 2013 hat mich unser Steuerbüro darauf aufmerksam gemacht, dass noch viele Buchrechnungen offen seien. Es hat meinem Mann sehr empfohlen, Mahnungen zu schreiben. Ich habe die offenen Rechnungen durchgesehen und gedacht: Da kann jetzt keine Mahnung raus. Denn das waren überwiegend Bestellungen von Ärzten, einige davon kenne ich gut! Es wäre besser, das direkt zu klären, habe ich gedacht und zum Telefon gegriffen. Mein erster Anruf war bei einem Arzt in München, der vor zehn Monaten ein Buch von mir bestellt hatte. «Da ist noch eine Rechnung offen vom letzten Jahr», habe ich ihm am Telefon gesagt. Er wusste von keiner Rechnung. «Sie haben doch ein Buch bestellt!» Daran konnte er sich erinnern und plötzlich auch daran, was mit der Rechnung passiert ist: «Die habe ich weggeschmissen!» Wie bitte?, dachte ich. «Wieso schmeißen Sie die Rechnung weg?» Da wurde er plötzlich ungehalten: «Wieso soll ich das Buch bezahlen?», fragte er.«Ich lege es doch nach dem Lesen in mein Wartezimmer und mache so Werbung für Sie! Das bezahle ich nicht!» Es gibt nicht viele Momente, in denen ich sprachlos bin. Das war einer davon.

Der hat gar nicht geschnallt, worum es geht, und mir das auch noch dreist ins Gesicht gesagt! Er glaubt, er kann einfach ein Buch bestellen und muss es nicht bezahlen! Ich habe ihn ja nicht dazu gezwungen, es zu lesen! Aber leider ist dieser Arzt kein Einzelfall. Aus dem Jahr 2008 gibt es noch einige Hundert Euro an Außenständen im Verlag meines Mannes, die von Ärzten und deren Bestellungen meiner Kinderbücher stammen. Wenn ein Arzt zu mir am Telefon sagt, dass er eine Buchbestellung nicht bezahlen will, dann ist das eine Haltung, mit der ich nicht umgehen kann. Da geht es nicht darum, ob er die achtzehn Euro bezahlt. Sondern es geht um genau die Haltung, die Ärzte einnehmen, den Vorwurf, den sie erheben: dass ihre Leistung nicht ordentlich bezahlt wird! Umgekehrt jedoch lassen sie es nicht gelten! Eine der Erfahrungen, an denen ich lange zu knabbern hatte!

In der ganzen Sache schien es bei vielen Ärzten keinerlei Unrechtsbewusstsein mehr zu geben. Ich saß bei dem oben angeführten Telefonat fassungslos da, und wenn ich mal sprachlos bin, dann geht es wirklich an die Substanz. Denn wenn ich überlege, was ich in den letzten Jahren im Umfeld der Ärzteschaft erlebt habe, kann einem echt die berühmte Spucke wegbleiben. Wie oft habe ich die Klage gehört, was wir Patienten uns eigentlich einbilden, uns so gut wie kostenlos von ihnen behandeln zu lassen. Aber dieser Arzt sah, wie vieler seiner Kollegen, den Balken im eigenen Auge nicht. (..)

Fortsetzung folgt – mit dem Kapitel: “Die Wut der Ärzte“

 
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