Fortsetzung 12 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Die Langfinger vom Stamme «Nimm»

«Ich bekomme immer noch zu wenig!», hat der Doktor gesagt. Darüber müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen. Wenn ich Ärztin wäre und hätte einen Patienten, der immer sagt:«Ich muss mir das nehmen, was mir zusteht!», würde ich ihm raten, über seine Lebenssituation nachzudenken. Es kann einfach nicht gesund sein, immer zu glauben, dass mir etwas vorenthalten wird! Ich bin aber keine Ärztin, und es sind komischerweise gerade die Ärzte, die immer wieder betonen, dass sie nicht bekommen, was sie verdienen. Das scheint sich in den Köpfen viel er schon so fest gebissen zu haben, dass ich Situationen erlebt habe, mit denen ich einen ganzen Abenteuerroman über die Langfinger vom Stamme Nimm füllen könnte. Ich habe eine Einladung einer Pharmafirma bekommen, weil die Ärzte sich – nach der Weiterbildung – von mir einen Vortrag aus meiner Sicht über den weißen Tellerrand wünschten! Bei Pharma-Veranstaltungen bekomme ich eigentlich immer Bauchschmerzen und habe – bis auf diese – jedes Mal Nein gesagt. Aber weil sich die Ärzte gewünscht haben, dass ich komme, bin ich hingefahren. Das Treffen fand in einem Hotel in Stuttgart statt, es hätte aber genauso gut ein Hotel in der Karibik sein können. Alles sah aus wie in der Raffaello Werbung. Die Tische waren in strahlend weiße Decken gehüllt, und über die Terrasse war ein blütenweißes Sonnensegel gespannt. Ich habe zuerst gedacht, dass hier für eine andere Veranstaltung gedeckt ist. Auf der Einladung stand: «Mit kleinem Imbiss.» Eben kleinere Häppchen oder belegte Brötchen. Mein Mann hatte mich begleitet und meinte zu mir, dass er während meines Vortrags in die Stadt fahren wolle, um zu Abend zu essen, denn Häppchen sind nicht sein Ding nach einem langen Arbeitstag! Er hätte ruhig bleiben können, denn nach dem Vortrag wurde unter weißen Sonnensegeln kräftig aufgetischt. Es gab ein Drei-Gänge-Menü. Zu den angerichteten Tellern kamen üppige Platten mit Spätzle, Kroketten, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch auf die Tische. Zum Nachtisch konnte man zwischen Karamellpudding und Eis wählen. Es waren locker hundert Ärzte anwesend. Nach dem Essen stupste mich mein Tischnachbar an und zeigte auf mein Stuhlbein. Das stand genau auf der Schlaufe seines Rucksacks, und den brauchte er jetzt. «Oh, Entschuldigung!», sagte ich und rückte zur Seite. Er nahm den Rucksack auf seinen Schoß, klappte ihn auf und schaute den Tisch entlang zu seinen Kollegen. «Sind alle fertig?», fragte er und bekam allerseits ein Nicken zur Antwort. Dann griff er in den Rucksack, zog drei Tupperboxen raus und begann, stehend Fleisch und Spätzle von den Platten einzupacken. Ich war etwas überrascht, dass mein Tischnachbar für schlechte Zeiten vorsorgen musste. «Das ist das Mittagessen für morgen. Dafür gibt es ja die Mikrowelle», meinte er. Als er dann auch noch die Kroketten in seine Boxen schaufelte, siegte in mir die Genießerin. «Die können Sie doch nicht mehr warm machen! Die schmecken dann doch wie eingeschlafene Füße!» Alte Kroketten sind zäh wie Gummi! Aber meinen Kochkünsten wollte er nicht vertrauen und verstaute seine Notration im Rucksack. Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, nach dem Essen ein Buffet zu plündern und dafür vorsorglich Tupperdosen mitzunehmen. Aber an dem Tag war ich offensichtlich die Einzige, die sich gewundert hat. Für die anderen war das völlig normal. Als mein Nachbar seine Boxen gezückt hatte, war das sogar ein Startschuss. Die versammelte Runde war plötzlich in Bewegung. Einen Tisch weiter tippte einer seine Frau an, und die zog eine Rolle Alufolie aus ihrer Handtasche. Eine ganze Rolle! Wenn Sie das nächste Mal eine Raffaello – Werbung im Fernsehen sehen, dann müssen Sie sich nur vorstellen, dass, während im Vordergrund die weiß gekleidete Schönheit der Karibik Highsociety eine Kokoskugel nascht, im Hintergrund eine Gruppe von Männern und Frauen Pralinen in Plastikdosen einpackt oder in Alufolie einschlägt. Etwa so sah das damals in diesem weiß verpackten Stuttgarter Nobelhotel aus. (…)

Fortsetzung folgt -mit einem ungetrübten Blick auf eine Seite über die so mancher Arzt nicht gerne spricht.

 
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