Fortsetzung 4 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Wer hat den Bergdoktor auf dem Gewissen?

Die Nachfahren von Albert Schweitzer gibt es heute nur noch im deutschen Fernsehprogramm. Arztserien wie ¬ęDer Bergdoktor¬Ľ, ¬ęIn aller Freundschaft¬Ľ und ¬ęFamilie Dr. Kleist¬Ľ erzielen regelm√§√üig gute Einschaltquoten. Die Serien zeigen uns die perfekten¬†√Ąrzte. Sie haben offene Ohren f√ľr ihre Patienten und Mitarbeiter, und wenn es irgendwo Probleme gibt, springen sie sofort ins Auto und rasen los. Das sind nat√ľrlich Fantasien von Drehbuchautoren. Doch irgendwie m√ľssen sie die Sehnsucht in uns nach einer heilen Welt anheizen, denn sonst w√ľrden wir nicht so oft einschalten.Wenn man nach solchen¬†√Ąrzten in der Realit√§t sucht, st√∂√üt man auf keinen Albert Schweitzer. Er war ein Arzt, f√ľr den es wichtig war, Menschen zu helfen. Nun ist aber Albert Schweitzer lange tot, und die echten Abbilder des Bergdoktors st√ľrzen gerade vom Felsen ab, auf den wir sie gehoben haben. Eigentlich genie√üen √Ąrzte seit Jahrzehnten in unserer Gesellschaft ein sehr hohes Ansehen. Ein ¬ęHerr Doktor¬Ľ zu sein, das ist mal was!Wer Menschen heilt, muss ein Menschenfreund und an sich ein guter Mensch sein. Diese Erwartungen waren sicherlich oft √ľbertrieben,und vielleicht gerade weil sie zu hoch waren, sp√ľrt man jetzt die Entt√§uschung umso st√§rker. Denn dieser solide Image-Felsen br√∂ckelt. Immer¬†√∂fter stehen¬†√Ąrzte¬†√∂ffentlich als gierig da. Die¬†√Ąrzte sind an solchen Bildern nicht unschuldig. Seit¬† Jahren diskutiere ich mit ihnen √ľber unser System. Solidarit√§t hat die Masse der¬†√Ąrzte in diesen Jahren aber herzlich wenig interessiert. Vor kurzem habe ich mit einem Arzt gesprochen, der zu mir sagte: ¬ęDas Solidarystem brauchen wir nicht. Es ist ungerecht.¬Ľ¬ęWie?¬Ľ, habe ich ihn gefragt. ¬ęUngerecht f√ľr wen? F√ľr euch √Ąrzte?¬ĽDa hat er unumwunden Ja gesagt: ¬ęIm Solidarsystem bekommen wir nicht, was wir verdienen.¬ĽSo ging es all die Jahre in meinen unz√§hligen Gespr√§chen mit¬†√Ąrzten immer nur um einen Punkt: ihre Honorare. Aber das Image br√∂ckelt nicht nur bei mir. Auch die √Ėffentlichkeit wird skeptisch. In den vergangenen Jahren haben die √Ąrzte f√ľr h√∂here Honorare demonstriert. Viele Patienten rieben sich ungl√§ubig die Augen, als die¬†√Ąrzte anfingen, sich √ľber zu wenig Geld zu beklagen. Denn der ¬ęHerr Doktor¬Ľ, so glauben viele, verdient eher gut als schlecht. Das ist Teil des Bildes,das wir von ihm haben. Auf eine Frage m√∂chte ich mich in diesem Buch aber nicht einlassen: Verdienen¬†√Ąrzte genug? Diese Neid-Debatte bringt uns nicht weiter. Aber interessant ist sie schon deshalb, weil sie entlarvt, dass das Marktdenken auch l√§ngst bei uns Patienten angekommen ist. Wir sind Schn√§ppchenj√§ger geworden, die gerne in einem Discount-Gesundheitssystem beim besten Angebot zuschlagen. Teure¬†√Ąrzte sind da schon Luxusg√ľter, und wehe, sie kosten zu viel! Um diese Patientenmentalit√§t soll es im n√§chsten Kapitel gehen.Kommen wir zur√ľck zu den¬†√Ąrzten. Auch sie haben sich dem Markt angepasst. Das System hat die Einstellung der jungen Mediziner zu ihrem Beruf und letztlich auch zu uns Patienten ver√§ndert. Ich glaube, das liegt ein St√ľck an der Ausbildung.Die Studierenden m√ľssen schnell kapieren, dass sie in der Uni nur durchkommen, wenn sie sich anpassen und die Regeln befolgen. In der Klinik als Assistenzarzt ist das sp√§ter nicht besser: Wer Karriere machen und mal Oberarzt werden will, muss vor den meisten Chef√§rzten buckeln. Und so haben sie¬†sich auch an die neue Welt angepasst, die vor ihren Augen aus dem Solidarsystem herausgebrochen worden ist. Traurig ist,dass sie sich nie dagegen gewehrt haben. Sie haben eigentlich als Erste gesehen, was da kommt. Aber sie haben stillgehalten und √ľberlegt, wie sie sich anpassen k√∂nnen. In dieser Welt ist der Menschenfreund in dem TV-Bergdoktor nur noch eine schr√§ge Fiktion. L√§ngst z√§hlt eine ganz andere Qualit√§t, um in diesem Job zu √ľberleben.¬†√Ąrzte m√ľssen Zahlen mehr lieben als Menschen. Betriebswirte, √Ėkonomen und Investoren haben den Bergdoktor l√§ngst umgebracht. (..)

Fortsetzung folgt – bleiben Sie dran, es geht uns alle an. RH

 
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