TK Chef lanciert alten Wein in neuen Schläuchen!

Es herbstet und im Bl√§tterwald rauscht es. Die Aussage der¬†¬†Chefs der Techniker Krankenkass, Jens Baas,¬†Krankenkassen w√ľrden ihre Patienten systematisch kr√§nker erscheinen lassen, mit dem Ziel an mehr Geld zu kommen, wird zur Schlagzeile. Das Fazit des Kassenbosses, selbst Arzt, ohne diese Manipulation k√∂nnte der Beitrag in den gesetzlichen Kassen niedriger sein!¬†Gut gebr√ľllt L√∂we und nun? Laut Baas schummeln die gesetzlichen Krankenkassen im gro√üen Stil bei den Abrechnungen. Ich frage mich, was ist in der Sache neu? OK, es¬†ist ein Kassen Boss, der dies sagt und in einem Gespr√§ch mit der ‚ÄěFrankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‚Äú einr√§umt: ‚ÄěEs ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen dar√ľber entstanden, wer es schafft, die √Ąrzte dazu zu bringen, f√ľr die Patienten m√∂glichst viele Diagnosen zu dokumentieren.‚Äú OK stimmt, diese Praxis kann ich best√§tigen und das habe ich bereits im Jahr 2009/2010/2014 in allen Facetten, mehrfach publiziert. Ja, genau dieses codieren von Krankheiten, ist eine M√∂glichkeit den Kassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich zukommen zu lassen!¬†So und wer bittesch√∂n k√ľmmert sich nun darum, diesen Betrug aufzukl√§ren? Denn laut TK¬†Chef schummeln die Kassen im gro√üen Stil bei der Abrechnung von Leistungen. Er geht noch weiter: “Die Kassen bezahlen zum Beispiel Pr√§mien von zehn Euro je Fall f√ľr √Ąrzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kr√§nker machen.‚Äú Es gebe sogar Vertr√§ge mit √Ąrztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel h√§tten. Die Kassen lie√üen sich zudem in dieser Richtung von Unternehmensberatern beraten, erl√§uterte Baas.

Schauen wir einmal auf den¬†Hintergrund: Seit 2009 gibt es in Deutschland den Gesundheitsfonds.¬†Entstanden durch einen¬†Deal¬†zwischen Ulla Schmid (damals Gesundheitsministerin!!) und Angela Merkel (schon damals Kanzlerin!!) Die eine wollte die B√ľrgerversicherung, die andere eine Kopfpauschale. Raus kam der v√∂llig unsinnige, katastrophale, Geld versenkende Gesundheitsfonds! Und?¬†Jetzt im Jahr 2016 wird im Wahlkampf¬†zur Bundestagswahl 2017, eine Neuauflage zu dieser Diskussion – B√ľrgervesicherung, Kopfpauschale usw.kommen!¬†Die Finanzierung der Krankenkassen wurde¬†2009¬†komplett¬†renoviert. Kassen mit √§lteren und kr√§nkeren Mitgliedern¬†bekommen seitdem mehr Geld.¬†Lukrativ¬†sind also die Patienten,¬† die eine Krankheit haben, die vom Gesundheitsfonds gut bezahlt¬†wird.Die niedergelassenen¬†¬†√Ąrzte m√ľssen dazu Diagnosen codieren.Das hat nichts mit den Ziffern der Abrechnung f√ľr die¬†¬†Kassen√§rztliche Vereinigung zu tun. Der Hausarzt √ľbermittelt codierte Diagnosen, nach deren Schweregrad sich richtet, wieviel Geld die Krankenkasse f√ľr diesen Patienten aus dem Gesundheitsfonds¬†bekommt. Auch die Diagnose ¬ęDiabetes¬Ľ allein¬†ist noch nicht sonderlich¬†lukrativ. Das wird sie, wenn ein¬†¬†Diabetes mellitus zum Beispiel mit unterschiedlichen Komplikationen¬† codiert wird. ¬ęIn die Tiefe kodieren¬Ľ wird das in Insiderkreisen genannt.

Nach dem Prinzip¬†¬†”¬†Eine Hand w√§scht die andere, selbst¬†¬†wenn sie dreckig ist¬†” erlebte ich bereits 2009, wie mit einer Selbstverst√§ndlichkeit¬†in √Ąrztekreisen “sehr wohlwollend” codiert worden ist. Nicht nur ein¬†¬†Arzt berichtete mir, dass genau an solchen M√∂glichkeiten wie Codieren oder √ľber Programme wie das Disease-Management-Programm (DMP) von¬†¬†√Ąrzteseite Druck auf die Kassen ausge√ľbt, aber auch Dankbarkeit gegen√ľber den Kassen gezeigt¬†werden kann.¬†Ein gegenseitiges¬†Geben und Nehmen ist im Gange.

Beim DMP geht es um Behandlungsprogramme f√ľr chronisch¬†Kranke, die auch Chronikerprogramme genannt werden.Es geht um die organisierte Steuerung von chronisch¬†¬†kranken Patienten und kommt aus den USA. Wichtig dabei¬†ist: Es geht auch hier haupts√§chlich um den Geldfluss. Die¬†Kassen bekommen f√ľr jeden DMP-eingeschriebenen Patienten¬†ein sattes Mehr aus dem Gesundheitsfond.¬†¬†√Ąrzte k√∂nnen¬†eine Einschreibepauschale von 25 Euro und eine Folgedokumentpauschale¬†von 15 Euro pro Quartal abrechnen. Da gibt¬†es¬†¬†√Ąrzte, die sagten mir, sie machten in ihrer Praxis DMP,weil Kleinvieh auch Mist mache. Andere dagegen lie√üen die¬†Finger davon, da die Honorierung f√ľr den Zeitaufwand der¬†geforderten Dokumentation sowie f√ľr die Extrabehandlung¬†viel zu gering sei.

Und schon wird ein neues Fass aufgemacht, auf dem steht:¬†Priorit√§t hat der Geldfluss! Patienten bekommen nach der Diagnose,¬†ein Chroniker zu sein, von ihren Kassen Briefe, sich unbedingt¬†in das DMP-Programm einschreiben zu lassen. Es sei¬†wichtig wegen ihrer chronischen Erkrankung, und die Kasse¬†wolle sie doch bestens begleitet wissen. Wirklich? Fehlt da¬†nicht noch ein Satz? Lieber Patient, du bist f√ľr mich, deine¬†Krankenkasse, ein Ventil am gro√üen Geldtopf Gesundheitsfonds.¬†Um so kr√§nker du auf dem Papier bist, um so lieber bist du mir Patient!¬†Also bitte schnellstens einschreiben, damit sich dieses¬†Ventil¬†¬†√∂ffnet. Und nun steht er da, der chronisch Erkrankte¬†mit seinem Diabetes, seiner koronaren Herzkrankheit, seinem¬†Asthma, seiner obstruktiven Lungenerkrankung, als Spielball¬†zwischen dem Arzt und der Kasse. Der Druck von¬†√Ąrzteseite¬†entsteht gegen√ľber den Kassen, wenn¬†¬†√Ąrzte sich weigern, beim¬†DMP mitzumachen und Chroniker einzuschreiben. Erlebt¬†habe ich, wie¬†√Ąrztefunktion√§re vor Honorarverhandlungen zu¬†solchen kollektiven Verweigerungsma√ünahmen, √ľbrigens erfolgreich,geraten haben.

Am 5. Dezember 2008 wurde vom verhandelnden Vorstand¬†des BH√ĄV (Bayerischer Haus√§rzteverband) ein Rundbrief an¬†die¬†√Ąrzte verfasst, wonach sie sich der Situation angepasst verhalten¬†sollten. Hier ein Auszug aus dem Schreiben:¬†”Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie uns berichtet wird,schw√§rmen gerade Mitarbeiter der AOK aus, um Ihnen in¬†Ihrer Praxis Nachhilfeunterricht im Codieren der Diagnosen¬†zu geben. Was steckt dahinter? Die Verteilung der Gelder aus¬†dem Gesundheitsfonds an die Kassen erfolgt ab 01.01.2009¬†¬†morbidit√§tsgewichtet. Das hei√üt, je genauer Sie die Diagnosen¬† angeben, desto mehr Fond-Gelder flie√üen an die AOK. Es ist¬†z. B. ein gro√üer Unterschied, ob Sie nur die Diagnose¬†¬†”Diabetes”¬†¬†oder ob Sie die Diagnose¬†¬†”Diabetes mit Retinopathie”¬†codieren.

Seit Juni dieses Jahres werden wir von der AOK mit¬†einer Ausschreibung zu einem Hausarztvertrag nach altem¬†Recht hingehalten. [‚Ķ] Denken Sie daran, den bisherigen¬†AOK-Vertrag mussten wir uns auch erk√§mpfen. Verweisen¬†Sie die AOK-Mitarbeiter aus Ihren Praxen. [‚Ķ] Wir werden¬†die AOK erst dann unterst√ľtzen, wenn ein Hausarztvertrag¬†nach ¬ß 73b neu mit uns unterzeichnet ist. [‚Ķ] Eine Zusammenarbeit¬†mit der AOK wird es erst nach Abschluss eines¬†Hausarztvertrages geben. [‚Ķ]¬Ľ

Bereits Tage sp√§ter, am 17.12.2008 ging per Fax vom Vorstand¬†des BH√ĄV ein vierseitiges Schreiben, adressiert an alle Haus√§rztinnen und Haus√§rzte, in dem dieselbe AOK als Retter der¬† Haus√§rzteschaft bejubelt wurde. Auszug:

¬ęLiebe Kolleginnen und Kollegen, die AOK Bayern sichert das¬†√úberleben der Hausarzt-Praxen! Die AOK hat mit uns folgenden¬†Vertrag geschlossen: Quartal 1/2009 [‚Ķ] wir k√∂nnen Ihnen nur empfehlen, alle bisher noch nicht eingeschriebenen¬†AOK-Patienten noch im Quartal 1/2009 einzuschreiben. Als¬†Gegenleistung f√ľr das Entgegenkommen der AOK bitten wir Sie nochmals, eine entsprechende Codierung bei den AOK-Patienten¬†vorzunehmen. Nur eine AOK, die entsprechende Zuweisungen¬†√ľber den Risikostrukturausgleich erh√§lt, kann¬†diesen Vertrag auf Dauer bedienen. Wir werden diesen Vertrag¬†den Ersatzkassen und den Betriebskrankenkassen mit der¬†Bitte um Unterschrift zuleiten. Sollten sich diese verweigern,¬†sehen wir keine M√∂glichkeit mehr, deren Versicherte auf¬†Dauer ‚Äď au√üer im Notfall ‚Äď zu behandeln. [‚Ķ]¬Ľ

Der Brief endet mit W√ľnschen zum bevorstehenden Fest und¬†einem guten Rutsch in das neue Jahr.¬†So gesehen, kann das¬†¬†Codiersystem im Gegenzug ein Dank¬†vonseiten der¬†¬†√Ąrzteschaft f√ľr gute Honorierung sein. Nat√ľrlich¬†verlassen sich Kassen nicht darauf und haken teilweise sehr intensiv¬†in den Praxen nach. Nicht vergessen, egal, was ich hier¬†aufz√§hle, es geht immer darum, den Geldfluss am Laufen zu¬†halten. Der kranke Patient ist das Produkt, ohne den es¬† (dummerweise) nicht funktioniert.¬†¬†So kann ein Diabetiker mit einem Kratzer am Fu√ü zur geldbringenden Diagnose ¬ęDiabetes mellitus mit Diabetikerfu√ü¬Ľ¬†werden.¬†Also, was ist neu an der Aussage des TK Chefs? Seit 2009 wei√ü ich, es wird codiert und¬†DMP eingeschrieben, dass die Fuge kracht!¬†¬†Es wurde auch laut dar√ľber gesprochen, dass es ohne das offene¬†Ventil im Gesundheitsfond in Richtung Kasse keinen anhaltenden¬†Geldfluss auf die¬†¬†√Ąrztekonten gebe. So gesehen,sind Kassen und¬†¬†√Ąrzte¬†¬†in dem Fall Codieren¬†zwei Angler, die beide denken, sie h√§tten einen dicken Fisch an der Angel! F√ľr mich ein eindeutiger,gef√§hrlicher Systemfehler, begleitet von einer hohen kriminellen¬†Energie!¬†Wetten auch diese, vom TK Chef gezielt lancierten¬†Schlagzeilen werden untergehen. Warum? Weil¬†√Ąrzte und Kassen systembedingt eine Symbiose darstellen, niemand bereit ist, an die tats√§chlichen Ursachen¬†im zementierten SGB¬†V (Sozialgesetzbuch 5) zu gehen.¬†Und¬†zu viele von uns Kassenpatienten sich mit dem Satz “kann man ja doch nichts machen” zufrieden geben!!!¬†RH

 
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