Mama geht zu den Engeln

Abgestimmt haben sie heute, unsere Volksvertreter/Innen und zwar frei nach ihrem Gewissen. Dies zu betonen zeigt schon, wie sehr in anderen Entscheidungen und Abstimmungen das Gewissen weniger zählt, als der Fraktionszwang. Nur heute möchte ich jetzt mal gar nicht ein Haar in der Suppe benennen. Gut so, wie sie abgestimmt haben. Bei der Freigabe geschäftsmäßiger Sterbehilfe hätte ich massive Probleme gehabt. Bitte blicken wir einmal genau hin, was dieses Wort “Selbstbestimmung”, generell im Gesundheitssystem – fĂĽr Arzt und Patient – bedeutet. Hier wäre der Ansatz zu einer breiten Diskussion um das bestehende System und die damit verbundenen Probleme. Wir dĂĽrfen die nicht vergessen, die aufgrund der Systemfehler den Weg Sterbehilfe als einzigen Ausweg und als Option sehen! Hier dazu ein Kapitel aus meinem Buch “Krank in Deutschland” Seite 152!

12 Mama geht zu den Engeln….
Zwei Frauen kommen aus einem alten Patrizierhaus und gehen langsam die Straße entlang. Der Himmel ist von der untergehenden Sonne rot gefärbt. Die jüngere der beiden hakt sich unter und zeigt zum Himmel: „Schau mal, oben backen die Engel bereits Kuchen für meinen Empfang.“ Die beiden Frauen kommen von einem der seit drei Monaten laufenden Gespräche bei einer Schweizer Sterbehilfefirma.
Wer die beiden Frauen des Weges gehen sieht, denkt, sie unterhalten sich über etwas Alltägliches, Banales. Doch es geht um den Tod. Genau gesagt um das Sterben der 39-jährigen Sandra. Fast elf Monate lang lag sie im Krankenhaus, vierzigmal auf dem Operiationstisch. Die Ärzte entfernten ihr immer mehrere Abszesse auf einmal. Inzwischen schlagen Antibiotika und Schmerzmittel bei ihr nicht mehr an. Es fehlen ihr auf Grund der ständigen Eingriffe regelrecht ganze Körperstücke. Aus purer Verzweiflung besucht sie ihre Tante in der Schweiz, die ihr nach längeren Gesprächen den Kontakt zu einer von zwei Sterbehilfefirmen vermittelt. So eine Entscheidung trifft man ja nicht aus heiterem Himmel. Zumal in Deutschland ein Ehemann mit zwei Kindern auf ihre Rückkehr wartet. Bis zu diesem Abend mit dem rot gefärbten Himmel wusste niemand, welchen Hintergrund die Besuche bei der Tante in der Schweiz hatten. Es geht bei diesem Spaziergang um die Frage, wo der tödliche Medikamentenmix, den die Firma besorgt, eingenommen werden soll. Weihnachten will sie noch bei der Familie verbringen. Das macht die Erklärung gegenüber den Kindern „Mama geht zu den Engeln und passt von dort oben auf euch auf“ glaubhafter.
Die Kliniken und die Ärzte, die sie bisher behandelt haben, zeigen sich ratlos. Alles hat sie erlebt, Ernährungsumstellung, extremes Fasten bis zu der Mutmaßung, sie bilde sich diese Krankheit nur ein. Sie begann im Internet zu recherchieren und stieß auf Krankheitsbilder, die ihren Zuständen ähnlich waren. Sandra arbeitete im medizinischen Bereich und hatte keine Mühe, sich zu informieren. So stößt sie bei den Recherchen auf eine Behandlungsmethode, von der ihr mehrere Ärzte bestätigen, dass bei 75 Prozent aller Patienten eine wesentliche Besserung und sogar Heilung eingetreten sei. Nur die Krankenkasse sagt, die Voruntersuchungen für die Behandlungsmethode und die Medikamente seien zu teuer. Sie würden zwar die Therapie bezahlen, bei der man sich sicher sein kann, dass sie eine Besserung bringt und eine Heilung in vielen Fällen möglich ist – aber sie zahlt nicht die Untersuchungen, die dafür nötig sind, um die Therapie zu beginnen. Sie zahlen auch nicht die Verlegung in eine Klinik, die auf dieses Krankheitsbild spezialisiert ist. Ihr Hausarzt steht ihr bei und greift nach jedem Strohhalm, den es in dieser Situation noch gibt. Ein teuflisches Karussell beginnt sich zu drehen.
Eines Morgens stellt sich heraus, dass sie auf das verabreichte Medikament und dessen Wirkstoff reagiert und sie erleidet einen anaphylaktischen Schock, eine extrem starke allergische Reaktion, die zum kompletten Versagen des Herz-Kreislauf-Systems fĂĽhren kann.
Zu diesem Zeitpunkt reicht bei einer Operation die normale Dosis Narkosemittel nicht mehr aus. Das führt dazu, dass sie nach jeder OP auf die Intensivstation kommt, weil ihre Lunge versagt. Die ganze Situation steigert sich, weil sie teilweise jeden dritten Tag operiert wird und dadurch körperlich massiv abbaut. In dieser ausweglos erscheinenden Situation entscheidet sie sich für die Sterbeklinik in der Schweiz, da ihr keiner sagen kann, ob und wie ihr noch zu helfen ist.
Ihr größtes Problem mit ihrer Erkrankung aber war, dass sie viele Kliniken abwiesen. In den mir vorliegenden Unterlagen liest sich das alles wie ein Horrortrip, wie eine Geschichte aus einer anderen Welt.
Bei den ersten Erzählungen aus Sandras Umfeld halte ich das alles für ausgeschlossen. Der Arzt fragt nach dem 35. chirurgischen Eingriff, ob ihr die Operationen Spaß bereiten. Die ganzen Umstände lassen sie spüren: „Schon wieder die. Geh wo anders hin, du bist hier nicht erwünscht!“
Die Verzweiflung wird bei jedem Eingriff größer und größer. Sie fühlt sich nur noch als Belastung für ihr komplettes Umfeld. Sie sinkt in eine tiefe Depression. Antidepressiva werden verabreicht. Das Karussell dreht sich weiter. So glaubt sie, allen einen großen Gefallen zu tun, wenn sie sich von dieser Welt verabschiedet. Sie klammert sich an den Gedanken, wenn sie mich beerdigen, freuen sich alle und genau das wünscht sie sich – mit dem endgültigen Abgang ihrem Umfeld einen Gefallen tun. Der Gedanke nimmt sie gefangen und gibt ihr neue Kraft. So entsteht der Kontakt zum Schweizer Sterbeunternehmen.
Die ganze Aktion scheitert (Gott sei Dank) jedoch, weil das Sterbeunternehmen die Abtretung ihrer Lebensversicherung verlangt. Denn das geforderte Bargeld für diese „Dienstleistung“ kann sie nicht aufbringen. So fürchtet sie, dass sich ihr Wunsch nicht erfüllt und sich die Familie eben nicht freut, endlich ohne diese kranke Mutter weiterleben zu können. Die Angehörigen, so vermutet sie, denken vielmehr, sie erfülle sich ihre Wünsche auf Kosten der Hinterbliebenen.
Zeichnet man Sandras Leidensweg nach, sieht es so aus, als habe sich tatsächlich die komplette Welt gegen sie verschworen. Sie wird auch für die Krankenkasse – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Belastung. Die hohen Kosten haben zur Folge, dass die BKK ihr ganz genau die Behandlung vorschreibt. Freie Arztwahl ist für Sandra vorbei. Sogar das Krankenhaus kann sie nicht mehr wechseln.
Ein Gespräch mit ihrem Chef – Sandra arbeitete bis zu ihrer Erkrankung in einer Arztpraxis – verdeutlicht mir den ganzen Wahnsinn dieses Gesundheitssystems. Ihre Odyssee hat einen völlig absurden Hintergrund. Da weltweit bei viel zu wenigen Menschen diese Krankheit ausbricht, werden weder ihre Ursachen erforscht noch wirksame Therapien entwickelt. „Wirtschaftlich uninteressant“ wird mir mehrfach als Argument genannt.
Noch mal zum Mitschreiben: Sandra hat wie Manuela Akne inversa. Für dieses Leiden existiert noch nicht einmal eine eigene Codenummer des internationalen Verzeichnisses aller Krankheiten, kurz ICD-10 genannt. Und weil nur wenige Patienten erkranken, stellt auch die Pharmaindustrie kein möglicherweise hilfreiches Medikament her. Es wirft keinen ausreichenden Gewinn ab, um die Kosten der Innovation zu decken. Kann das sein? So wie sich die Ist-Situation im Mai 2010 darstellt, muss es wohl so sein.
Vier Jahre sind seit dem Ausbruch der Krankheit vergangen. Seit nunmehr sieben Wochen liegt Sandra in einer Klinik in Nordrhein-Westfalen. Ihr Mann hat niemand gefunden, der sich um die Kinder kümmert. Das Jugendamt hat sie inzwischen in einem Heim untergebracht. Die Tochter, kurz vor der Pubertät, besucht die Mutter nicht mehr. Der Sohn (12) kommt mit dem Fahrrad und gibt ihr wenigstens zu verstehen, dass er will, dass sie gesund wird. Sie fehlt ihm, er braucht sie.
Völlig absurde Entscheidungen der Krankenkassen führen zu diesen immer wiederkehrenden Krankenhausaufenthalten. Der medizinische Dienst der Kasse akzeptiert nicht, dass ein häuslicher Pflegedienst eingeschaltet wird, um der Mutter zu helfen. Die notwendige, teilweise großflächige Versorgung der Abszesse kann Sandra allein nicht bewältigen. Dadurch verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand, infiziert sie sich von Neuem und schwächt von Mal zu Mal ihr Immunsystem.
In den vielen nächtlichen Telefonaten mit Sandra im Krankenhaus, (sie liegt allein wegen der offenen Abzesse) erfahre ich, welch tiefer Graben zwischen Theorie und Praxis liegt. Wut über diese Zustände überkommt mich. Wir sind längst eine eiskalte, egoistische Gesellschaft, in der jegliche Schwäche mit sozialer Ausgrenzung bestraft wird. An Manuela und Sandra wird eindeutig ersichtlich, wohin sich unser Gesundheitssystem entwickelt. Beide leiden am gleichen Krankheitsbild, das übrigens bereits seit 1836 bekannt ist, wie Recherchen zeigen. Die Betroffenen werden doppelt bestraft. Einmal durch die Krankheit und ein zweites Mal durch den Umgang des Gesundheitssystems mit ihr. Auf Grund der Budgetüberschreitungen von Manuelas Hausärztin droht dieser ein Regress – die Krankenkasse fordert gegenüber der Ärztin Geld zurück, weil sie zu viele Hilfsmittel, sprich Verbandsmaterial, für die Behandlung von Manuelas Krankheit aufschreiben muss.
Die Vorstellung, dass Kassenversicherte jährlich Milliarden Euro in dieses System pumpen und wir generell als sehr reiches Land Kranken Verbandsmaterial verweigern, sollte jeden in dieser Republik zum Nachdenken bringen!
In diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, wartet Sandra auf ihre nächste Operation. Mein Päckchen, mit der ich versuche ihr zu zeigen, wir denken an dich, erreicht sie nicht mehr vor der OP. Ihr Immunsystem ist völlig zusammengebrochen, die Lungen versagen. Noch vor ein paar Tagen haben die Ärzte einen Eingriff abgebrochen. Herzrhythmusstörungen und Fieberschübe bis 41 Grad stoppen die Chirurgen. Sandra hat die Hälfte ihres Gewichts verloren und bekommt gegen die Schmerzen bereits Morphium. Die Lymphknoten sind alle entfernt worden. Dabei werden die Lymphbahnen durchtrennt. Für die notwendige Lymphdrainage müsste sie außerhalb des Krankenhauses um Geld betteln. Erst heute, 23. Mai 2010, sagt sie mir am Telefon: „Die Option in der Schweiz ist ja noch offen!“
Manuela, die tapfer und kraftvoll diese Krankheit meistert, versucht ebenfalls in vielen Telefonaten Sandra in irgendeiner Form ein Stück Hoffnung und Lebensmut zu geben. Ausgang ungewiss – Sandra redet viel zu viel und zu oft von den Kuchen backenden Engeln, die auf sie warten. (..)
Stand heute 6.November 2015 – Sandra lebt noch und ist nicht bei den Engeln…….und ich denke heute sehr intensiv an sie. Denn der Punkt weshalb viel zu viele Menschen sich für einen Freitod entscheiden, oder ihn als Option sehen, liegt auch an den Systemfehlern, über die im Bundestag weder diskutiert noch an eine Aufarbeitung gedacht wird! Jetzt wäre die Zeit dies auch gesellschaftlich anzugehen. Renate Hartwig

 
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