Da sind sie aber an den Falschen geraten

Herr W. holte wie jeden Tag gegen Mittag die Post in die Wohnung. Da der Briefkasten nicht vor lauter Werbesendungen ĂŒberquellen sollte, hatte er einen entsprechenden Aufkleber am Postkasten angebracht. Außer einem Brief seiner Krankenkasse war heute keine Post eingetroffen. „Vielleicht erhalte ich heute Antwort auf meine Frage nach den dubiosen Zuzahlungen“, sprach er vor sich hin, als er zurĂŒck ins Haus ging. Seine Frau musste aufgrund einer Vorsorgeuntersuchung zur AbklĂ€rung geröntgt werden. Mit einem entsprechenden Überweisungsschein bekam sie nach mehreren Wochen Wartezeit einen Termin beim Radiologen. Dort verlangt man nach erfolgter Untersuchung 38 Euro Zuzahlung, da die Krankenkasse das so vorgesehen habe. Die Patientin war seinerzeit von ihrem Ehemann begleitet worden, der sich gegen die Zahlung dieses Betrages wehrte – vor allem, weil sie vor der Röntgenuntersuchung nicht ĂŒber die Verpflichtung einer Zuzahlung, geschweige denn ĂŒber die Höhe informiert worden waren. Was ist denn das fĂŒr ein Gebaren, hatte er sich in der Praxis empört und nur ein Schulterzucken der Arzthelferin dafĂŒr geerntet.
Nun ist Herr W. einer der informierten BĂŒrger – Patienten, denen es ums Prinzipielle geht. „Ich habe es satt, dieses stĂ€ndige Abkassiertwerden ohne ausreichende BegrĂŒndung!“ Er rief bei der Ärztekammer an. Dort erfuhr er, dass er sich doch mit der Krankenkasse ins Benehmen setzen sollte. Bei der Krankenkasse wiederum wurde ihm lapidar mitgeteilt, es wĂŒrden Behandlungen mit einer notwendigen medizinischen BegrĂŒndung immer bezahlt. „Und diese Röntgenuntersuchung war also nicht notwendig?“ Hörbares Schulterzucken. Die Telefonate zwischen Arzt, Krankenkasse und Ärztekammer hĂ€uften sich. Zur KlĂ€rung kam es nicht. Herr W. ließ sich Gesetzestexte, Vereinbarungen und AusfĂŒhrungsbestimmungen zusenden und vertiefte sich in die komplexe Materie. Er stolperte ĂŒber SĂ€tze wie „freie Preisgestaltung“, „ausreichende und notwendige medizinische BegrĂŒndung“. Und er fing an zu ĂŒberlegen, ob man als Patient vor einem Arztbesuch erst einmal einen Kursus machen soll, wer welche Bestimmungen erlĂ€sst, um die Erkrankten vom Arztbesuch abzuhalten.
Es ging Herrn W. ĂŒberhaupt nicht um die 38 Euro. Es ging ihm um die viel grundsĂ€tzlichere Frage, ob wir es als BĂŒrger wirklich hinnehmen dĂŒrfen, dass eine Grauzone zwischen öffentlicher Leistung und klammheimlichem GeschĂ€ft entsteht, eine Grauzone, in der das Abkassieren immer dreister forciert wird, wĂ€hrend die Berechtigung von Forderungen immer geschickter verschleiert wird. Sein Arzt erklĂ€rte ihm, dass seine Kasse die Bestimmungen schreibe, nicht er als Arzt. Und nun kam also ein Brief von seiner Kasse. Seine Erwartung, dass nun eine KlĂ€rung in Schriftform im Kuvert liege, erfĂŒllte sich nicht. Die Krankenkasse gab sich dafĂŒr her, eine Werbung zu versenden, Werbung fĂŒr eine Zusatzversicherung, genau gesagt fĂŒr eine Zahnversicherung von der Hanse-Merkur. Herr W. packte die kalte Wut. Er rief bei der Kasse an: „Wenn Sie so weiter machen, schaffen Sie sich Ihre eigenen Patienten! Wegen Ihrem Umgang mit den Mitgliedern Ihrer Kasse bekomme ich bald mal einen Herzinfarkt.“ Er wolle keine Werbung fĂŒr Zusatzversicherungen. Er wolle ganz einfach eine KlĂ€rung ĂŒber die geforderten 38 Euro. Die Servicedame am Telefon vermittelte ihn weiter. Und nun passierte etwas, das man mit Herrn W. nicht machen sollte. Die Krankenkasse verfiel in plötzliche Freundlichkeit. SelbstverstĂ€ndlich, hieß es plötzlich, werde man die 38 Euro ĂŒbernehmen und sie ĂŒber einen „Sonderfonds“ finanzieren. Herr W. möge doch bitte die generöse Vorgehensweise als Zeichen einer langjĂ€hrigen guten GeschĂ€ftsbeziehung betrachten und darĂŒber Stillschweigen bewahren.

Der Mann legte grußlos auf und wĂ€hlte meine Nummer: „Hallo, Frau Hartwig, soll ich Ihnen einmal ein GaunerstĂŒck erzĂ€hlen?“ Ob es nun ein gleich ein „GaunerstĂŒck“ war, mag dahingestellt sein. Herr W. lebt offenkundig noch immer in der Vorstellung, eine Krankenkasse sei etwas Ă€hnlich Solides wie die Passbehörde, auf der es nur zwei Alternativen gibt: Entweder Sie haben ein Recht auf etwas, oder Sie haben kein Recht. Dass eine Krankenkasse mittlerweile fĂŒr jeden Kuhhandel gut ist, daran werden wir uns gewöhnen mĂŒssen. Denn es ist politisch so gewollt. Es ist traurig aber wahr: Wer sich wehrt und auf die HinterfĂŒĂŸe stellt, hat gewisse Chancen zu seinem Recht zu kommen oder sogar auch ungerechtfertigte Forderungen durchzusetzen. Die Kassenmitarbeiter sind auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung eingestellt: Zahlen wir? Zahlen wir nicht? Man kommt Patienten – oder soll ich sagen „Kunden“? – entgegen, die etwas bringen, und man zeigt solchen auf schnöde, manchmal sogar schikanöse Weise die Schulter, die nur die Bilanz belasten. Die Dummen dieses Perspektivenwechsels im Gesundheitssystem sind an erster Stelle die Patienten. Sie sind, sofern sie sich nicht als Privatpatienten rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, diesem System auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wer sind die Gewinner des Systems? Das sind unter anderem die KassenfĂŒrstinnen und KassenfĂŒrsten, die durch gezielte Desinformation ihre wahren Interessen verschleiern und ihre Abzockmethoden als Serviceleistung kaschieren. Das sind auch die Pharmakonzerne, die mehr Marketingmitarbeiter und Lobbyisten als Forscher beschĂ€ftigen, die den Politikern Incentives ins Haus und Gesetzesvorlagen in die Feder liefern und die es sich leisten können, Preise nach GefĂŒhl zu bestimmen. Aber nicht nur die Politik wird von Lobbyisten gesteuert. Auch die Medien sind voll im Fokus der interessierten Kreise. Mich empört es immer wieder, dass es die teuer bezahlten Presselobbyisten der Gesundheitsmafia bis in die ĂŒberregionalen BlĂ€tter der Republik schaffen. Ich lese einen Artikel und kann Ihnen auf den Kopf zusagen, wer ihn in Wirklichkeit bezahlt hat. Ich nenne das die stille Korruption in den Medien. Ginge es doch wenigstens in der unabhĂ€ngigen Presse noch um das Wohl des Patienten! Aber auch dorthin reicht schon der Arm der Macht und des Geldes. Der kapitalorientierte Umbau des Gesundheitswesens kommt als Abzocke beim Einzelnen an. Aber weder die Klage des betrogenen BĂŒrgers, noch die Offensichtlichkeit, mit der die MilliardenbetrĂ€ge in andere KanĂ€le umgeleitet werden, spiegeln sich in einer wahrhaft kritischen Presse wider. Transparenz wird abgeblockt. Derjenige, der es versucht, muss mit massiven Angriffen rechnen. Ich weiß, von was ich rede! Ich weiß es von einer Handvoll mutiger, nicht kĂ€uflicher Journalisten und ich weiß es aus eigener journalistischer Erfahrung
Es wird Zeit, dass sich jeder einzelne Versicherte klar macht, auf welche Weise er Teil eines hoch prekĂ€ren Systems ist. Wir sind in der Zange. Da sind eben nicht nur die monatlichen BeitrĂ€ge zur Krankenversicherung. Daneben baut sich ein kaum mehr ĂŒberschaubares System auf, dessen erpresserische, strukturelle Gewalt voll in den Blick kommen muss. Es beginnt mit irgendwelchen, mal mehr, mal weniger begrĂŒndeten Zuzahlungen bei Ärzten und pflegerischen Einrichtungen; es geht weiter ĂŒber die PraxisgebĂŒhr, bis wir bei den 19 % MwSt. sind, die auf jedes Medikament zu entrichten ist – auch auf ein 60.000 Euro teures KrebsprĂ€parat, von dem kein Mensch weiß, warum es 60.000 Euro kosten muss, wenn es im Nachbarland fĂŒr eine weitaus geringere Summe zu haben ist. Die strukturelle Ent“geld“ung unter dem Vorwand „Gesundheit“ ist allseitig. Und das ist der Skandal. Einige sagen, ich wĂŒrde „die Leute rebellisch machen“. Das mag sein. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, solange Unruhe zu stiften, solange ich erlebe, da lauft grĂŒndlich was schief
(..) RH (Auszug aus meinem Buch „Krank in Deutschland“ siehe http://www.direkt-zum-buch.de/shop/sachb%C3%BCcher/ )

 
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