Warum ein besserer Rollstuhl? Gel├Ąhmt ist gel├Ąhmt! Fortsetzung 20 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Ich lernte einmal eine junge Frau kennen. Damals war sie Anfang zwanzig. Seit einem Unfall in der Schule sa├č sie im Rollstuhl. Das Modell, das ihr die Kasse gezahlt hatte, war f├╝r sie eine Katastrophe. Sie wohnte in einer Wohnung im zweiten Stock, und solange sie drinnen blieb, gab es keine Probleme. Aber wenn sie vor die T├╝r wollte, musste sie immer jemanden bitten, ihr in den Aufzug zu helfen und sie auf die Stra├če zu schieben. Mit dem Bus fahren war f├╝r sie unm├Âglich. F├╝r all das hatte sie einfach nicht genug Kraft in den Armen. Ich unterst├╝tze ihren Wunsch, dass sie selbst├Ąndig leben kann. Dass sie wieder ein besseres Lebensgef├╝hl findet und unter andere junge Leute kommt. Seit dem Unfall haben sich aber die Kassen gestritten, wer f├╝r sie bezahlen soll. Jahr f├╝r Jahr ging es zwischen der Unfall- und der Krankenkasse hin und her, w├Ąhrend sie isoliert in der Wohnung sa├č. Darum habe ich mich f├╝r die junge Frau engagiert und ihre Geschichte auf einer Veranstaltung meiner Initiative ┬źB├╝rgerschulterschluss┬╗ erz├Ąhlt. Der Effekt war, dass wir auf einmal eine Diskussion hatten und ein pensionierter Beamter mich fragte, ob die mit 23 wirklich so einen teuren elektrischen Rollstuhl brauche. Ich habe gefragt: ┬źWieso denken Sie, weshalb sie ihn nicht braucht? Nicht bekommen sollte?┬╗ ┬źEs gibt ja auch billigere Rollst├╝hle!┬╗, war seine Antwort. Da habe ich gekontert, weil mir fast der Kragen geplatzt ist:

┬źWas macht ihr denn mit euren Bonusheften? Braucht ihr diese Kassenzugaben?┬╗ ┬źFrau Hartwig, ich brauch kein Bonusheft, ich bin privat versichert┬╗, sagte der Beamte.

Mein Adrenalinpegel stieg weiter: ┬źWas gibt das jetzt? Eine neue Auflage der Geschichte ÔÇ╣Wir sind die besseren PatientenÔÇ║? Haben wir nicht schon genug an gravierenden Unterschieden?

Mag ja sein, dass zu Ihnen der Herr Doktor freundlicher ist, mehr Zeit f├╝r Sie verwendet, Ihnen besser zuh├Ârt und nicht laufend auf seinen PC sieht, um das Budget nicht aus dem Auge zu verlieren. Bilden Sie sich ja nicht ein, es gehe dabei um Sie! Es geht dabei um die Bezahlungsmodalit├Ąt Ihrer Behandlung, da Sie als Beamter als Privatpatient in der Praxis aufschlagen! Und was denken Sie, wer Ihre Beihilfe bezahlt? Wir, die Masse der Steuerzahler! Also, sollen wir nun auf dieser Basis weiter diskutieren? Wer derÔÇ╣bessereÔÇ║Patient ist? Wem was eher zusteht? Denn Sie als Beamter kommen als Privatversicherter mit Beihilfe gar nicht in so eine Situation wie diese junge Frau!

Ja, ich war in dem Moment echt sauer! Vielleicht weil es zu oft vorkommt, dass wir so ├╝ber einen anderen Menschen diskutieren, zum Beispiel wie eben in dem Fall, ob die junge Frau einen gescheiten Rollstuhl bekommen darf oder nicht. Und w├Ąhrend sie in der Runde ├╝ber andere diskutierten, haben sie weder als Privat- noch als Kassenpatient daran gedacht, wie ihre in Anspruch genommenen Vorteile finanziert werden. Vorteile und Geschenke, Rabatte und Boni, Pizzaessen und Gartenscheren ÔÇô das alles geht. Aber ein elektrischer Rollstuhl ist pl├Âtzlich unn├Âtiger Luxus, und da muss man genau hinschauen. Mit beiden H├Ąnden in den Topf reinlangen wie der Arzt in den Karton mit Kugelschreibern.

Unser Egoismus zeigt sein Gesicht, indem wir solche Diskussionen f├╝hren wie oben: Braucht die junge Frau diesen Rollstuhl? Was bitte treibt uns in der ├ťberlegung? Der Mensch? Seine Lebenssituation? Oder nicht eher die Angst, zu kurz zu kommen? Diesen Gedanken m├╝ssen wir weiterdenken, denn dieses Denken vergiftet unsere Gesellschaft an einer empfindlichen Stelle. Wenn wir schon Menschen nichts g├Ânnen, die f├╝r ihre Krankheit nichts k├Ânnen, was machen wir dann mit denen, die in unseren Augen selbst schuld an ihrem Leid sind?” (..)

Fortsetzung folgt: ÔÇ×Wer kriegt zu Recht unser Geld?ÔÇť

 
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Schn├Ąppchenjagd beim Arzt – Fortsetzung 19 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

(..) ┬áAber jetzt haben wir nun mal den Patienten das Jagen beigebracht. Das Revier erstreckt sich l├Ąngst auch auf die Praxen. Eine Doktorin st├Âhnte einmal, dass sich Patienten oft wie im Selbstbedienungsladen auff├╝hrten. Da k├Ąmen Rezept-W├╝nsche per E-Mail, die dann am besten gleich per Fax an die Apotheke geschickt werden sollten. Das spart Zeit, aber beim Geldsparen gibt es auch kreative Ideen. Eine davon kommt aus der Zeit, als in Deutschland Patienten noch zehn Euro Praxisgeb├╝hr bezahlen mussten. Und so lautet sie:Wenn bei einem Paar beide Partner dasselbe Medikament ben├Âtigen, zum Beispiel Blutdruckpr├Ąparate, w├Ąre es doch dumm, zu zweit in die Praxis zu gehen und somit zweimal zehn Euro zu bezahlen! Also geht nur einer von den beiden und l├Ąsst sich das Rezept ausstellen, jedoch mit der doppelten Menge! Die Geschichte hat mir die erw├Ąhnte┬á├ärztin erz├Ąhlt. Sie hat dann irgendwann geschaltet: Die teilen sich die Medikamente und sparen so eine Praxisgeb├╝hr. Die┬á├ärztin aber (jetzt muss ich die┬á├ärzte in Schutz nehmen) bekommt von der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung nur einen Fall erstattet, n├Ąmlich den, dessen Kassen-┬źGl├╝ckskarte┬╗ eingelesen wird. Und so betr├╝gen diese Patienten nicht das gro├če, gesichtslose System, sondern ihre eigene Haus├Ąrztin in der Nachbarschaft.

So eine Schn├Ąppchenj├Ągerin habe ich auch bei einem Treffen unserer B├╝rgerschulterschluss-Initiative kennen gelernt. Sie hat sich tierisch aufgeregt ├╝ber ihren Arzt. Sie war krank gewesen, und der Arzt hatte ihr nur ein Rezept f├╝r 20 Tabletten gegeben. Sie wollte aber 100 Tabletten haben. Der Arzt hatte sich nicht darauf eingelassen. Ihre Krankheit war nichts Langwieriges, und ich konnte nicht verstehen, was so schlimm an der Sache war. ┬źEs kann doch sein, dass die 20 ausreichen┬╗, habe ich gesagt und im Kopf ├╝berschlagen, dass solch ein Rezept billiger f├╝r sie ist. ┬źWas soll daran billiger sein?┬╗, hat sie mich emp├Ârt gefragt.┬┤┬źWenn ich nur 20 Tabletten bekomme und brauche dann doch mehr, muss ich in der Apotheke wieder dazuzahlen!┬╗ Erst in dem Moment verstand ich die Rechnung: Nat├╝rlich ist die Hunderter-Packung teurer. Aber diesen Preis zahlt nicht die Patientin, sondern die Kasse, also die Gemeinschaft. Sie st├Ârte vielmehr der Preis, den sie selbst in der Apotheke noch mal drauflegen m├╝sste. Als ich ihr dann sagte, dass dann wahrscheinlich 80 Tabletten bei ihr rumliegen und verfallen w├╝rden, meinte sie, das sei ihr wurscht. F├╝r viele sind das Lappalien. Diese Frau wird die Gesundheitsversorgung nicht zum Erliegen bringen. Solche Geschichten erz├Ąhle ich aber mit einem unguten Gef├╝hl: Es zeigt deutlich, wie wir selbst den Kontakt zu unserem Solidarsystem verloren haben und es im Stich lassen. Mein Eindruck ist, dass es vielen schon herzlich egal geworden ist und sie sich gar nicht mehr f├╝r die Zusammenh├Ąnge und den Sinn unserer Versorgung interessieren. Die Kassen packen uns bei unserem Ego und lehren uns, unsere Versicherung als einen Vertrag zu verstehen, den wir genauso gut auch f├╝r unser Telefon h├Ątten abschlie├čen k├Ânnen. Da freuen wir uns auch, wenn wir einen vorteilhaften Tarif und attraktive Pr├Ąmien bekommen. Die Botschaft der neuen Krankenversicherung ist: Wir k├Ânnen f├╝r uns etwas rausschlagen. Nicht mehr bezahlen als n├Âtig! Das ist perfektes Werbedeutsch, und bei einem Telefontarif f├Ąnde ich es angemessen-

F├╝r unser Gesundheitssystem ist es ein Desaster. Schn├Ąppchenj├Ąger sind Pfennigfuchser und schauen aufs Geld. Und was passiert, wenn sie kapieren, dass dieses System allen dienen soll und nicht ihnen allein? Dann werden sie nicht gro├čz├╝giger, sondern geiziger. Sie sind ja mittlerweile daf├╝r trainiert, auf den Preis zu achten! Und wehe, einer ist zu teuer! Teuer werden Patienten dann, wenn sie schwer krank sind. (..)

Fortsetzung folgt:┬á “Warum ein besserer Rollstuhl? Gel├Ąhmt ist gel├Ąhmt!”

 
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Fortsetzung 18 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Sirenenschreie

F├╝r die Kassen ist das Werbung. 2007 hatte die Gro├če Koalition unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Wettbewerbsst├Ąrkungsgesetz erlassen. Wieder so ein Wortunget├╝m. Es sollte mehr Wettbewerb unter den Krankenkassen bringen, denn Wettbewerb sei immer gut f├╝r die Kunden. Aber sind wir nicht eigentlich Kassenmitglieder und, wenn wir krank werden, Kassenpatienten? Eigentlich sollte die Kasse doch nur treuh├Ąnderisch unser Geld verwalten und nicht Wettbewerb betreiben. Mittlerweile sehen uns die Kassen aber auf jeden Fall als ihre Kunden an. Und seitdem es den Gesundheitsfonds gibt, buhlen sie um Mitglieder. Denn je mehr sie haben, desto mehr Geld bekommen sie, und desto mehr Macht haben sie. Und so bombardieren sie uns mit Werbung und Angeboten, als w├Ąren wir unterwegs in der Fu├čg├Ąngerzone. Das Wort Krankenkasse ist dazu auch nicht mehr sexy genug, also nennt man sich zum Beispiel lieber ┬źIhre DAK-Gesundheit┬╗. Vor einiger Zeit wurde in Medizinerkreisen noch schwer das ├ärzte-Hopping beklagt, bei dem die Patienten von Arzt zu Arzt rennen. Dagegen scheint das Krankenkassen-Hopping richtig gewollt zu sein. Dabei ist die Idee vom Wettbewerb ein gro├čer Schmarren. Denn das Angebot ist ├╝berall gleich. Der Versicherungsbeitrag ist in Deutschland per Gesetz f├╝r alle festgeschrieben. Die jetzige Gro├če Koalition plant zwar, dass die Kassen bald Zusatzbeitr├Ąge festlegen d├╝rfen. Aber das ist Zukunftsmusik ÔÇô noch zahlen alle dasselbe. Und warum sollte ich denn in die Kasse A wechseln, wenn sie mich genauso viel Geld kostet wie Kasse B? Die Kassen haben sich darum etwas einfallen lassen! Sie machen kleine Geschenke f├╝r die Geldbeutel ihrer Kunden. Denn Schn├Ąppchenj├Ąger schauen immer zuerst in ihren Geldbeutel und selten weiter. Die Techniker Krankenkasse warb beispielsweise in der Zeitung und im Radio mit einer Wechselpr├Ąmie von 80 Euro. ┬źDavon k├Ânnen Sie sich zum Beispiel neue Sportschuhe kaufen, die Sie gut f├╝r unsere Angebote nutzen k├Ânnen┬╗, fl├Âtete die Anzeige. ├ťbrigens, mit ┬źAngebote┬╗ waren die verschiedenen Zusch├╝sse f├╝r sportliche Aktivit├Ąten gemeint. Die Frage ist nur: Woher kommen denn diese 80 Euro? Die hat die Gemeinschaft in einen Topf einbezahlt. Und daraus bedient sich jetzt eine Krankenkasse, um Schn├Ąppchenj├Ąger zum Wechsel zu animieren. Die DAK legte sogar noch einen drauf und sagte im Januar 2014, dass f├╝r eine Familie pro Jahr eine R├╝ckzahlung von 600 Euro drin sei. Daf├╝r m├╝ssen die Mitglieder einige Voraussetzungen erf├╝llen. Der Deal ist, dass sie einen Gesundheitsfragebogen ausf├╝llen, Vorsorgeuntersuchungen machen und au├čerdem bei Blutdruck oder Gewicht gute Werte erzielen. Und sie m├╝ssen bereit sein, bis zu einer vereinbarten H├Âhe selbst f├╝r ┬źbestimmte medizinische Leistungen┬╗ aufzukommen. Das ist dann wie bei der Autoversicherung ÔÇô den Lack f├╝r den Kratzer an der Sto├čstange zahle ich auch selbst, wenn ich mich auf eine Selbstbeteiligung eingelassen habe. Aber eine Krankenkasse ist keine Autoversicherung. Mich erinnert das stark an die privaten amerikanischen Versicherungskonzerne. Dahin will die DAK uns anscheinend Schritt f├╝r Schritt umerziehen. Denn f├╝r unsere Bereitschaft winkt sie mit einer dicken Pr├Ąmie. Sie bekommen also Geld, wenn Sie gesund sind ÔÇô wenn Sie krank werden, werden Sie zum Bittsteller! Dieses System ist schizophren! Als ich mit einer ├ärztin ├╝ber diesen Tarif gesprochen habe, ist die schier an die Decke gegangen. ┬źDie Kassen sagen ihren Mitgliedern immer: ÔÇ╣Gehen Sie zum Hausarzt, der macht das!ÔÇ║┬╗, regte sie sich auf. Die DAK zahlt zum Beispiel f├╝r gute Gesundheitswerte 60 Euro im Jahr an die Mitglieder. F├╝r den von der Kasse geforderten Bonusstempel bekommt der Arzt aber nichts. Allein f├╝r den Body Mass – Index muss eine Arzthelferin mit dem Patienten zur Waage gehen, und die ├ärztin rechnet das Verh├Ąltnis von K├Ârpergr├Â├če und Gewicht am Computer aus. F├╝r diese Arbeit sieht sie kein Geld. ┬źIch habe gesagt, wir machen das nicht mehr umsonst!┬╗, sagte die ├ärztin w├╝tend. ┬źJetzt verlangen wir f├╝nfzehn Euro daf├╝r!┬╗ Und schon wieder reden wir nur ├╝ber Geld, Gier, Neid und Missgunst. Aber der DAK-Tarif geht mit seiner Umerziehung noch weiter. In ihrem Mitgliedermagazin zeigt sie einen jungen Mann, der den Tarif anpreist. Auf einem Foto steht er sch├╝chtern l├Ąchelnd in einem Tr├Âdelgesch├Ąft, sechs h├Ąssliche Untertassen in der Hand, und der Text verr├Ąt ├╝ber ihn: ┬źBei einem guten Angebot kann ich nicht widerstehen. Deshalb finde ich es spannend, in Antiquariaten zu st├Âbern oder auf Flohm├Ąrkten zu feilschen, und daf├╝r nehme ich mir auch gerne Zeit.┬╗ Aha, feilschen! Und weiter: ┬źDabei gehtÔÇÖs mir weniger um das Sparen: Es ist einfach ein gutes Gef├╝hl zu wissen, dass ich nicht mehr bezahlt habe als n├Âtig ÔÇô vielleicht sogar weniger.┬╗ Da steht er also, der Schn├Ąppchenj├Ąger, und ich bin dankbar f├╝r den Einblick in seine tiefste Seele. Ich dachte, es geht uns immer nur ums Geld und darum, noch mehr davon zu kriegen. Die DAK kl├Ąrt uns aber auf: Es ist einfach ein gutes Gef├╝hl, nicht mehr als n├Âtig zu bezahlen. F├╝r sich selbst, versteht sich! Dieser Mann auf dem Foto ist ja erkennbar jung und gesund. Klar, dass er da nicht viele Arztkosten hat. Wenn er mir nicht auf einem Werbefoto, sondern in echt begegnen w├╝rde, w├╝rde ich ihn nur zu gerne fragen: ┬źF├╝r wen bezahlen wir noch mal unsere Kassenbeitr├Ąge?┬╗ Wenn unser System so auss├Ąhe, dass wir zur Bankgehen und dort eine Gesundheitsversicherung abschlie├čen, die wir ansparen und die uns dann ausbezahlt wird, wenn wir krank werden, h├Ątte ich gar nichts gegen die Schn├Ąppchenj├Ągerei. Na klar ist es dann ein gutes Gef├╝hl, nicht den teuren Tarif abgeschlossen zu haben. Aber unser Solidarsystem wird uns so verkauft, dass unser Geld f├╝r Menschen ist, die es aufgrund ihrer Krankheit und ihres Alter brauchen. Also nicht f├╝r uns, sondern f├╝r die, die gerade in diesem Moment nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert werden. Die alle zwei Tage zur Dialyse m├╝ssen, weil ihre Nieren kaputt sind. Die Mitte achtzig sind und mehr Medikamente brauchen. Sie alle k├Ânnen nicht mehr feilschen und f├╝r sich das Beste rausschlagen. Es geht um ihr Leben und ihre W├╝rde. Und entlarvt sich unsere Sparsamkeit nicht, wenn wir uns f├╝r einen Moment vorstellen, diesen Menschen ins Gesicht zu sagen: ┬źEs ist ein gutes Gef├╝hl, wenn ich f├╝r dich nicht mehr zahle als n├žtig. Besser sogar weniger!┬╗?

Aber das Geld, das uns die Kassen als Bonus oder Rabatt schenken, geht von dem Geld f├╝r die Behandlung der Kranken ab. Die Kassen erwirtschaften ja keine zus├Ątzlichen Gelder mit dem Verkauf von ┬żpfeln oder Klosterfrau Melissengeist! Sie verpulvern stattdessen Millionen f├╝r Werbung, um uns die Lockangebote ├╝berhaupt erst schmackhaft zu machen. Und auch in anderen Bereichen schneiden sie sich die Pr├Ąmien nicht durch Sparsamkeit etwas aus dem Fleisch. Wie im n├Ąchsten Kapitel klar wird, sind die Kassen alles andere als Sparf├╝chse, wenn es um ihre Geh├Ąlter oder Geb├Ąude geht. Nein, das Geld kommt aus der einzigen Quelle, aus der sie sich frei bedienen k├Ânnen: unserem Beitragsgeld. Warum sollte ich da noch einzahlen, wenn sie damit die Urlaubskasse ihrer Mitglieder aufp├Ąppeln? Um Geschenke geht es doch nicht! Aber das scheinen wir vergessen zu haben. Dieses marktschreierische System funktioniert, und es funktioniert nur, weil es unser gieriges Ego erlaubt. Das ist bei den ├ärzten nicht anders. Das ist im Krankenhaus nicht anders. Das ist bei den Politikern nicht anders. Und auch nicht bei uns Patienten. Das Gesundheitssystem ist f├╝r mich das Spiegelbild einer durch und durch egoistischen Gesellschaft, in der nur noch das ICH z├Ąhlt. (..)

Fortsetzung folgt: ÔÇ×Schn├Ąppchenjagd beim ArztÔÇť

 
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Fortsetzung 17 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Der Bonus f├╝r die Gesunden

Die Indianer vom Stamme Nimm der ├ärzte haben Cousins und Cousinen unter den Patienten: die Schn├Ąppchenj├Ąger. Sie wollen etwas aus diesem Gesundheitssystem rausholen. Denn gef├╝hlt hat es ihnen bisher nicht viel geholfen. Eine Bekannte kam mal zu mir und streckte mir sehr offensichtlich ihre F├╝├če entgegen. Es war Sommer, ihre F├╝├če steckten in offenen Sandalen, und die Zehen klimperten aufreizend. ┬źNa? Wie findest du meine F├╝├če?┬╗, fragte sie mich. Ich wusste nicht, was sie meinte. Hatte sie neue Schuhe gekauft? ┬źIch war bei der Fu├čpflege!┬╗, kl├Ąrte sie mich auf, nachdem ich nicht selbst auf diesen weltbewegenden Unterschied gekommen war. Ich muss gestehen, dass ich den Leuten nicht so oft auf die Fu├čzehen starre! Aber das war wirklich eine Neuigkeit: Fu├čpflege! Meine Bekannte hatte noch nie davon gesprochen. Wie sich dann herausstellte, war sie in ihren ├╝ber f├╝nfzig Lebensjahren auch noch nie dort gewesen. Doch eines Tages hatte sie entdeckt, dass ihre Krankenkasse Fu├čpflege-Prozente f├╝r ihre Mitglieder anbietet, und zugeschlagen. ┬źWer zahlt das?┬╗, fragte ich sie und bekam die gleiche Antwort wie von den Frauen beim Pilates-Kurs: ┬źDas ist mir egal! Wenn ich schon nicht krank werde, dann muss ich schauen, wie ich mein Geld wieder rauskriege!┬╗ Die Kassen haben uns Schn├Ąppchenj├Ąger sehr schnell durchschaut. Ganze Bonushefte mit Rabatten werden angeboten. Mitglieder k├Ânnen sogar in Restaurants billiger essen. Als ich begonnen habe, mich mit dem Gesundheitssystem zu befassen, wollte ich die Patienten aufkl├Ąren. Daraus ist eine B├╝rgerinitiative entstanden, und es gibt Treffen ├╝berall in Deutschland, in denen sich Patienten ├╝ber das Gesundheitssystem austauschen

und informieren. Diese Abende haben meistens ein Thema, und danach sitzt man noch zusammen. Im bayerischen Schwaben hatte sich eine Gruppe in der Volkshochschule getroffen und mich zu einem Vortrag eingeladen. Danach wollten wir gemeinsam eine Pizza essen gehen. ┬źAber wir gehen schon dahin, wo es billiger ist!┬╗, sagte eine Teilnehmer in und wedelte mit dem gr├╝nen Heft. ┬źWer ist denn noch alles bei der AOK?┬╗ Vier oder f├╝nf waren dabei, und die w├Ąlzten zusammen das Heft auf der Suche nach einer im AOK-Heft aufgef├╝hrten Pizzeria. Dann fing ich wieder mit dem Solidarsystem an: ┬źWieso m├╝ssen wir jetzt dahin gehen?┬╗ Ich kann da sehr penetrant sein, denn wir verstehen immer weniger, was die Kassen f├╝r uns leisten sollen. Es ist doch nicht wichtig, dass ich g├╝nstiger ┬źHoliday on Ice┬╗ sehen und billiger das Legoland besuchen kann. F├╝r mich ist wichtig, dass mich mein Arzt richtig behandeln kann und ihn sein Computer nicht nach f├╝nf Minuten daran erinnern muss, dass hier ein Schn├Ąppchenj├Ąger vor ihm sitzt und mehr Behandlungszeit f├╝r ihn nicht mehr drin ist. Die Werbegeschenke werden bezahlt aus dem Topf, in den wir alle mit dem Vertrauen einzahlen, dass dieses Geld da sein wird, wenn wir Hilfe brauchen. Vielleicht haben Sie selbst gemerkt, dass es absurd ist, den Gesunden Erm├Ą├čigungen zum Beispiel f├╝r fettige Pizzen und Eintrittskarten zu geben. Ein aktuelles Bonusprogramm verteilt Punkte f├╝r Untersuchungen und Sport. Sportvereine, Fitnessstudios und ├ärzte k├Ânnen ihren Stempel reinsetzen, und die Flei├čigen d├╝rfen sich dann eine Pr├Ąmie aussuchen. So umwerfend ist das Angebot eigentlich nicht, es erinnert stark an die Qualit├Ąt der Leser-werben-Leser-Pr├Ąmien, die Tageszeitungen anbieten. F├╝r die Flei├čigen gibt es bei manchen Kassen eine kleine Kaffeemaschine (Zitat: ┬źLecker!┬╗), f├╝r die Mittelerfolgreichen ein Blutdruckmessger├Ąt, und am hinteren Ende ist manchmal eine Gartenschere oder eine Zitruspresse drin. Eine Gartenschere? Eine Zitruspresse? Das ist nichts, was ich als lebensnotwendiges Angebot meiner Krankenkasse betrachte. Aber anscheinend funktionieren diese Pr├Ąmien pr├Ąchtig. ┬źManche Patienten sind richtig geil drauf!┬╗, sagte ein Arzt zu mir, ┬źdie fragen mich immer nach Stempel und Unterschrift.┬╗ Nat├╝rlich wird hier das Gegenargument gebracht, da gehe es um Pr├Ąvention. Ziel sei, dass die Leute ges├╝nder leben, das komme der Allgemeinheit zugute. Ich bin aber selbst f├╝r meine Gesundheit verantwortlich. Ich habe mir ein Fahrrad gekauft, um mich zu bewegen, und zahle meinen Pilates-Kurs selbst, weil es mir gut tut. Da muss mir die Krankenkasse keine Gartenschere hinhalten wie der Bauer dem Esel eine Karotte. In Wirklichkeit sind es ganz gezielte Marketinginstrumente, um die Leute an ihre Krankenkasse zu binden. Oder zum Wechseln zu animieren. Denn diese Lockangebote spielen mit dem Egoismus und unserer Gier nach Schn├Ąppchen.

Fortsetzung folgt: Kapitel ÔÇ×SirenenschreieÔÇť

 
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Fortsetzung 16 aus meinem Buch Kapitel (Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger) “Der goldene Skalp”

Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger

Jetzt m├Âchte ich gerne mal Ihnen eine Frage stellen: F├╝r wen bezahlen Sie eigentlich Ihren monatlichen Kassenbeitrag? Ich bin viel als Referentin zu Vortr├Ągen unterwegs, und auch da frage ich mein Publikum: Wer glaubt, dass er seine Kassenbeitr├Ąge f├╝r sich selbst einzahlt? Meistens strecken dann 90 von 100 Zuh├Ârerinnen und Zuh├Ârern die Hand in die H├Âhe. Wenn Sie sich meinem Publikum jetzt angeschlossen haben, muss ich Sie leider entt├Ąuschen. Sie zahlen nicht f├╝r sich! Das ist der erste Irrtum ├╝ber das Solidarsystem. Nein, eigentlich ist es der Irrtum in unserer Gesellschaft. Ihr Geld zahlen Sie in einen gro├čen Topf ein. Und aus diesem Topf werden alle bedient, die Hilfe brauchen. Die Gemeinschaft steht ein f├╝r die Schwachen. Die Jungen bezahlen f├╝r die Alten. Die Gesunden bezahlen f├╝r die Kranken. Keiner f├╝r sich selbst. Dieses System ist aber ziemlich in Vergessenheit geraten. In dem Film ┬źSicko┬╗ macht sich der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore auf den Weg nach Europa und versucht dort, die Gesundheitssysteme in England und Frankreich zu verstehen. Ihm gehen fast die Augen ├╝ber, als die Leute ihm erz├Ąhlen, dass in der Notaufnahme in einem englischen National ÔÇô Health – Service-Krankenhaus niemand eine Rechnung bezahlen muss. Die Krankenversicherung kommt daf├╝r auf, egal wie schwerwiegend die Verletzung ist. Der Amerikaner staunt Baukl├Âtze, und die Europ├Ąer erkl├Ąren ihm belustigt die Formel: Jeder nach seinen Bed├╝rfnissen.

Das klingt schon sehr nach Karl Marx. Und irgendwie ist man versucht, dieses verstaubte Wort ┬źSolidarit├Ąt┬╗ samt seinem Marx-Muff in der Rumpelkammer zu entsorgen, in der die ganzen anderen ├╝berholten Ideen der Weltgeschichte abgestellt und vergessen worden sind. Tats├Ąchlich ist unser Solidarsystem aber noch nicht ganz abgestellt, sondern am Arbeiten. Es verhindert, dass wir uns verschulden m├╝ssen, wenn wir uns mit einer Kreiss├Ąge einen Finger abs├Ągen oder mit einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Es ist wie ein Fallschirm, den wir bei einem Sprung aus dem Flugzeug auf dem R├╝cken tragen. Diesen Fallschirm hat uns die Familie der gesetzlich Versicherten geschenkt. Leider sind wir uns dessen nicht mehr bewusst. Unsere Familie ist uns fremd geworden, und wir kennen den Wert des Fallschirms nicht mehr. Darum ist unser Solidarsystem zum Tode verurteilt. Mitte der 1990er-Jahre ist die Krankenversicherungskarte eingef├╝hrt worden, und jetzt steckt sie in unserem Geldbeutel wie selbstverst├Ąndlich neben unserer Bankkarte. Diese beiden Karten haben eines gemeinsam: Wir verlieren das Gef├╝hl f├╝r den Wert der Dinge. Wenn ich bargeldlos einkaufe, merke ich erst, dass ich mich ├╝bernommen habe, wenn das Konto leer ist und die Karte nicht mehr akzeptiert wird. Es gibt Leute, die interessiert ├╝berhaupt nicht mehr, was auf ihrem Konto drauf ist. Sie schieben einfach nur noch die Karte in den Leser und lassen abbuchen. Und so machen wir das mit unserer Krankenkassenkarte auch. Ich stecke sie ein und bekomme das volle Angebot der Medizin quasi gratis. Was dahinter steckt, bekomme ich nicht mehr mit. So verlieren wir das Bewusstsein daf├╝r, dass wir Verantwortung f├╝r dieses System tragen. Wir schauen nur noch auf den Profit. Wir ├Ąrgern uns nur noch ├╝ber die Abz├╝ge f├╝r die Krankenversicherung, von denen wir auf unseren Gehaltszetteln lesen. Aber wir bekommen nicht mit, wie viel Geld die Solidargemeinschaft f├╝r uns beim Arztbesuch investiert oder bereits investiert hat. Eigentlich haben wir nach unserer Geburt und Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das erste Mal einzahlen, schon einen gro├čen Kredit aufgenommen, den wir der Gemeinschaft schulden. Aber dieser Wert ist uns nicht bewusst, weil wir die goldene Karte besitzen und scheinbar alles gratis ist. So werden wir entm├╝ndigt und entfremdet von diesem Solidarsystem. Die ├ärzte glauben, dass sie zu wenig bekommen. Bei uns ist es umgekehrt: Wir denken, dass uns das alles viel zu viel Geld kostet. Und so stehen wir vor einem gro├čen Irrtum. Das Solidarsystem arbeitet zwar noch und verteilt unser Geld um. Aber es existiert nicht mehr. Nicht mehr in unseren K├Âpfen, denn dort herrscht schon die Denkweise des Marktes, und die lautet: Jeder ist sich selbst der N├Ąchste. Ich habe das bei einem Pilates-Kurs erlebt. Unter den ganzen Teilnehmerinnen war ich die einzige, die den vollen Betrag von 75 Euro bezahlt hat. Alle anderen hatten einen Zettel von der Krankenkasse dabei und daf├╝r einen ordentlichen Rabatt bekommen. Ich habe die anderen damals gefragt: ┬źAus welchem Grund soll das Solidarsystem Ihnen den Kurs zahlen?┬╗ Die haben mich vielleicht angeschaut! Und es kam sofort die Retourkutsche: ┬źH├Âren Sie mal! Ich habe jetzt jahrelang eingezahlt und habe noch nie etwas rausgeholt.┬╗ Man k├Ânnte weiter formulieren: ┬źDas steht mir zu! Das habe ich verdient!┬╗ Diese Haltung kommt mir sehr bekannt voraus den Gespr├Ąchen mit ├ärzten.(..)

Fortsetzung folgt — Kapitel: Der Bonus f├╝r die Gesunden

 
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Kapitel 15 ( Nichts mehr wert) aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Nichts mehr wert

Diese Angst kommt von der Unsicherheit, ob man noch die n├Âtige Hilfe bekommen wird. Das Gesundheitssystem hat dabei grundlegend das Verst├Ąndnis vom Menschen und seiner Gesundheit ver├Ąndert. Eigentlich sind wir f├╝r das Gesundheitssystem keine Menschen mehr. Das M├Ąrchen vom Solidarsystem erz├Ąhlt uns immer, dass jeder getragen wird und die Hilfe bekommt, die er braucht. Das stimmt aber nur bedingt. Der Mensch an sich hat keinen Wert mehr, behandelt zu werden. Der Frau mit dem Knoten am Hals war nicht mehr bewusst, dass sie als Mensch ein Recht auf eine Behandlung hat. Stattdessen glaubte sie, dass sie ihrem Arzt zur Last fallen und sein Budget sprengen w├╝rde. Die Optimierer des Systems haben nicht nur den Bergdoktor umgebracht, sie erobern auch gerade Zentimeter f├╝r Zentimeter unser Selbstverst├Ąndnis. F├╝r mich ist es elementar f├╝r die W├╝rde des Menschen, dass wir das Recht haben, in unserer Not behandelt zu werden. Dass wir alles in unserer Macht Stehende tun m├╝ssen, um Menschen gesund zu machen. Doch diesen Wert besitzen wir nur noch bedingt. N├Ąmlich nur solange wir unsere Gesundheitskosten nicht ├╝berstrapazieren. Und jetzt haben wir Angst, dass eines Tages unser Konto aufgebraucht sein wird. Genau diese Angst der Unbezahlbarkeit wird uns immer wieder suggeriert. Jetzt muss nat├╝rlich prompt der Einwand kommen, dass in Deutschland kein Notfall abgewiesen werden darf. Vor etwa zwei Jahren habe ich jedoch einen Brief von einer Frau bekommen, die eine andere Geschichte erz├Ąhlte. Sie war stinksauer und verzweifelt. Ihr Mann hatte schwer krank vier Monate lang im Krankenhaus gelegen: Infekte der Lunge, Schlaganfall und wieder neue Infekte. Im August 2012 wurde er aus dem HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin entlassen. Die Klinik faxte den Arztbericht an den weiterbehandelnden Hausarzt. Einen Tag sp├Ąter rief Frau A. den Hausarzt an, um die weiteren Schritte zu besprechen. Ob sie in die Praxis kommen solle, fragte sie die Arzthelferin. Die Antwort, die sie bekam, h├Ątte sie im Leben nicht erwartet: ┬źNein┬╗, h├žrte sie aus dem H├žrer. ┬źDer Herr Doktor behandelt Ihren Mann nicht mehr, holen Sie alle Unterlagen ab, sie liegen bereit!┬╗ Frau A. war keine ├╝berforderte, uninformierte Patientin. Sie kannte das System, denn sie hatte ein Jahrzehnt als Chefsekret├Ąrin eines Klinikchefs gearbeitet. Sie hatte viel erlebt, aber doch nicht genug, um das zu erwarten, was sie jetzt am Telefon h├Ârte. Ihr Mann war drei├čig Jahre lang pflichtversichert. Jetzt wurde er, kurz nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, von seinem Hausarzt einfach vor die T├╝r gesetzt! Sofort machte sie sich auf den Weg in die Praxis. Als ihr am Tresen kommentarlos die Unterlagen ihres Mannes ├╝berreicht wurden, ├Âffnete sich die T├╝r zum Behandlungszimmer. Der Arzt kam heraus, das war ihre Chance! ┬źWarum lehnen Sie die weitere Behandlung meines Mannes ab?┬╗, fragte sie ihn. Er erwiderte kurz: ┬źWenn ich das sehe, die vielen Medikamente, die Ihr Mann bekommen soll, das mache ich nicht! Das kommt gar nicht in Frage, das ist eine Luftnummer!┬╗ Ihr Mann ÔÇôeine Luftnummer? F├╝r den Arzt war er nur noch ein Patient, der kein Geld brachte. Stark behandlungsbed├╝rftig, teure Medikamente, viele Hausbesuche.

Zwischen Entsetzen und Verzweiflung fragte sie den Arzt: ┬źVereinbart sich Ihr Handeln mit der ├Ąrztlichen Ethik und der F├╝rsorgepflicht? Fast drei├čig Jahre lang war mein Mann bei Ihnen Patient, und nun lehnen Sie ihn einfach ab, das ist nicht in Ordnung.┬╗ Der Arzt antwortete nicht mehr, sondern verschwand gru├člos in seinem Zimmer. Der ganze Wortwechsel spielte sich am Tresen der Praxis ab. Etwa einen Meter entfernt sa├čen Patienten auf Besucherst├╝hlen. Dass sie miterlebten, wie der Arzt einen Patienten vor die T├╝r setzte, st├žrte weder den Herrn Doktor noch die Angestellte. Die besch├Ąftigte mittlerweile eine andere Sache. Sie bat Frau A. um ihre Versichertenkarte. ┬źVersichertenkarte, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst?┬╗, fragte Frau A. und reimte sich zusammen, was das sollte: Der kurze Streit auf dem Flur war schon der notwendige pers├Ânliche Kontakt, den der Arzt brauchte, um eine Zahl eintragen und abrechnen zu k├Ânnen. Die wollten doch tats├Ąchlich f├╝r die Abweisung ihres Mannes noch Honorar verlangen, wozu sie die Karte einlesen mussten. Sie verlie├č kopfsch├╝ttelnd die Praxis, unter ihrem Arm die Unterlagen ihres Mannes. Die Frau hat sp├Ąter der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung geschrieben, die diesem Herrn die Kassenzulassung gegeben hatte. Eine Antwort bekam sie nicht. F├╝r mich ist das die Perversion unseres Gesundheitssystems. ├ärzte und Patienten haben sich beide diesen Wahnsinn nicht ausgedacht. Die Kassenmitglieder k├Ânnen auch nicht entscheiden, was an Honoraren bezahlt wird. Genauso gut kann ein Arzt oder eine ├ärztin nicht dauernd ein Minus erwirtschaften oder riskieren, wegen zu teurer Behandlungen die Kontrolleure der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung auf der Matte stehen zu haben. Es sind die Rahmenbedingungen, die das vorgeben. Und das Verr├╝ckte ist, dass wir uns nicht als Opfer dieses Wahnsinns verb├╝nden und die Entscheider zwingen, etwas zu ├Ąndern. Sondern wir lassen uns als Feinde gegeneinander in Position bringen. Der schlafende Riese Patient k├Ânnte viel bewegen, wenn er nur aufwachen w├╝rde. Das tut er aber (noch) nicht. Stattdessen l├Ąsst er sich einlullen von den Gutenachtgeschichten der Krankenkassen, dass er von diesem System profitieren k├Ânne. Er muss dazu nur vergessen, dass er Patient ist, und seine wahre Natur annehmen: die des Schn├Ąppchenj├Ągers. (..)

Fortsetzung folgt Kapitel: Vom Patienten zum Schn├Ąppchenj├Ąger

 
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Fortsetzung 14 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Die Wut der Ärzte

Vielleicht wundern Sie sich, dass es in diesem Kapitel nur um B├╝rokratie und Gewinn geht. Genauso habe ich mich in den acht Jahren immer wieder wundern m├╝ssen, in denen ich ├╝ber das Gesundheitssystem recherchiert habe. In fast allen Diskussionen mit ├ärzten ging es nur ums Geld. Das ist Fakt. Tats├Ąchliche Ausnahmen sind die wenigen ├ärzte oder ├ärztinnen, die ich als Minderheit bezeichne. Mit denen ich gerungen habe um die W├Ârter Arzt und Patient, darum, Mensch und Menschlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Die bereit sind, diesem System die Stirn zu bieten, selbst mit der Gefahr des Existenzverlustes im Nacken. Auch die gibt es, und auch dar├╝ber werde ich in der Folge noch berichten! Bei der Masse der ├ärzte stehen aber die Patienten hinter der B├╝rokratie zur├╝ck. Es wird gesucht nach unausgesch├Âpften Geldquellen, nachdunklen Abrechnungsecken, in die niemand so schnell reinschauen kann. Es wird gepl├╝ndert, was nicht niet- und nagelfest ist. Denn es steht ihnen ja zu. Die Haltung der Masse ist: Wir leisten mehr, als wir verdienen. Wir werden betrogen!

Nat├╝rlich ist diese Ansicht bis zu einem gewissen Grad berechtigt. M├Ąnner und Frauen m├╝ssen sechs Jahre studieren, um Arzt werden zu k├Ânnen. Sie fangen viel sp├Ąter an, f├╝r ihre Altersvorsorge Rentenbeitr├Ąge zu bezahlen. Keine Frage, dass ihre Ausbildung honoriert werden muss. Ich hatte bei einem Vortrag in Nordrhein-Westfalen eine Begegnung, die mir geholfen hat, diese Unzufriedenheit zu verstehen. Nach einer Veranstaltung sa├č ich noch mit einer Gruppe Doktoren zusammen. Dabei kam ich ins Gespr├Ąch mit einem jungen Mann, etwa Ende drei├čig, der mir erz├Ąhlte, dass er seine Praxis in der dritten Generation f├╝hrt. Er hat sie von seinem Vater ├╝bernommen und der wiederum von seinem Gro├čvater. Dieser junge Mediziner hat mich auf den Trichter gebracht, woher dieses Gef├╝hl bei den ├ärzten kommt, dass ihnen etwas vorenthalten wird. Seine Enkelpraxis ist im Vergleich zu der seiner Vorfahren ein optimiertes Klein-Unternehmen. Die ganze Verwaltung erfolgt elektronisch, Papier gibt es nicht mehr. Seine Arzthelferinnen, die mittlerweile medizinische Fachangestellte hei├čen, hat er von Coaches ausbilden lassen, dass sie am Tresen individuelle Gesundheitsleistungen verkaufen ÔÇô die schon erw├Ąhnten IGeL – Leistungen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen, ohne dass der Arzt das mit der Kassen├Ąrztlichen Vereinigung abrechnen muss. Daran ist absolut nichts Verwerfliches, wenn Patienten zus├Ątzliche Leistungen wollen und da f├╝r direkt bezahlen. Dieses Beispiel soll nur zeigen, wie dieser junge Mann seine Praxis f├╝hrt. An dem Abend sagte er zu mir:┬źMein Gro├čvater war schlechter ausgebildet als ich. Und er hat genauso viele Patienten gehabt wie ich. Aber er hat damals das Zehnfache verdient.┬╗ Ich habe den Eindruck, dass diese goldene Vergangenheit den ganzen Berufsstand fasziniert. Es sind Geschichten, die sich die Doktoren gerne erz├Ąhlen ÔÇô wie Lagerfeuer – Geschichten ├╝ber die gro├čen Erfolge von damals! Und so jagen sie dem verlorenen Paradies nach und berichten, wie fr├╝her alles besser war. Da gab es noch richtige Geschenke der Pharmafirmen! Ein Arzt sa├č mal in meinem B├╝ro und hat geschw├Ąrmt von einem Pharmareferenten, der fr├╝her eine ganze Garage voll mit Geschenken der Firma hatte. Sogar eine Komplettausgabe des Brockhaus war dabei, f├╝r einen Arztsohn, der damals Abitur gemacht hatte. Dieser Blick zur├╝ck verschleiert, dass der Stamm Nimm auch heute noch ganz gut bedient wird. Heute verlangt die Pharmafirma von ihm zwar 75 Euro f├╝r eine dreit├Ągige Fortbildung in Berlin, um nach au├čen zu demonstrieren: Arzt zahlt selbst. Nur dass es sich bei dem Preis um mehr als nur ein Schn├Ąppchen handelt, wird verschwiegen. Denn es sind Verpflegung, Flug, Hotel├╝bernachtung und Freizeitprogramm inklusive. Die goldene Vergangenheit ist der Ma├čstab. Da war man noch wer! Ein Herr Doktor oder ein Halbgott in Wei├č! Da bekam man von der Gesellschaft die Anerkennung und die Privilegien, die einem zustanden! Und nat├╝rlich richtig viel Geld. Das alles fehlt heute und macht unzufrieden. Diese nagende Unzufriedenheit muss irgendwann mal raus. Unzufriedene ├ärzte kenne ich jede Menge ÔÇô sie sind w├╝tend auf das heutige Gesundheitssystem. Und diese Wut entl├Ądt sich an denen, die die ├ärzte irrt├╝mlich f├╝r die Nutznie├čer halten: an den Kassenpatienten!

Ich habe so viele ver├Ąchtliche Kommentare von ├ärzten ├╝ber Kassenpatienten geh├Ârt, dass ich froh bin, dass die Patienten nicht wissen, was manche ├ärzte ├╝ber sie reden, wenn mal zehn zusammen an einem Tisch sitzen. Sie leben von uns Kassenpatienten, aber das vergessen sie gerne sehr schnell wieder. Sie tun so, als w├Ąre es etwas ganz Tolles f├╝r Kassenpatienten, von ihnen behandelt zu werden. Dass es eigentlich eine Ehre f├╝r uns sein m├╝sste, dass sie uns ins Behandlungszimmer bitten, wo wir doch schuld an ihren geringen Honoraren sind. Das macht ein schlechtes Gewissen und erzeugt Angst. Diese Woche hat mich eine Frau aus Wismar angerufen. ┬źFrau Hartwig, ich habe hier einen Knoten am Hals, und ich habe Angst!┬╗ Ich habe sofort abgeblockt und wollte mich nicht auf das Gespr├Ąch einlassen, weil ich medizinische Fragen weder beantworten will noch kann. Ich habe h├Âchsten Respekt vor der Ausbildung der ├ärzte, und f├╝r solche Fragen fehlt mir die Kompetenz ÔÇô ich habe nicht Medizin studiert. ┬źDa sind Sie bei mir vollkommen falsch, da m├╝ssen Sie zum Doktor! Wieso rufen Sie bei mir an?┬╗ Dann sagt sie: ┬źIch rufe nicht wegen des Knotens an! Mein Doktor hat mir schon im letzten Quartal gesagt, dass ich wegen meiner anderen Diagnosen zu teuer bin.┬╗ Und jetzt hatte sie Angst, dass sie mit ihrem Knoten noch teurer wird, und wollte meinen Rat, ob der Arzt sie wegschicken oder ihr Medikamente verweigern kann. ┬źSo ein Bl├Âdsinn!┬╗, habe ich ihr gesagt. ┬źSie gehen jetzt zum Arzt!┬╗ Ich habe mindestens zwanzig Minuten mit der Frau telefoniert, solche Angst hatte sie. Ich sollte mal aufschreiben, was mir Patienten auf den Anrufbeantworter sprechen. Und der ist jeden Morgen neu voll. Ich bin ├╝berzeugt, dass diese Frau, bevor sie die T├╝rklinke in die Hand genommen hat und in die Praxis rein gegangen ist, noch mit sich k├Ąmpfen musste. Dabei hat sie ganz vergessen, dass sie und die anderen Kassenpatienten diesen Arzt finanzieren. Er hat sich daf├╝r entschieden, Kassenpatienten zu behandeln, und eine Kassenzulassung beantragt. Freiwillig, er wurde nicht dazu gezwungen. Er wei├č, dass jeden Tag Patienten in seine Praxis kommen. Andere Selbst├Ąndige wissen nicht, ob sie jeden Tag einen Auftrag haben werden. Darum finde ich diese Haltung gegen├╝ber Kassenpatienten schlichtweg charakterschwach. Aber viel wichtiger ist die Frage, woher die Angst der Patientin kommt.

Fortsetzung folgt …….mit Kapitel “Nichts mehr wert”

 
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Fortsetzung 13 aus meinem Buch ÔÇ×Der goldene Skalp

(..) Es war nicht das letzte Mal, dass ich Angeh├Ârige dieses bisher noch selten erforschten Stammes Nimm getroffen habe. Ein Markenzeichen sind ihre gro├čen Stofftaschen, die sie zu Veranstaltungen mitbringen. Auf ├ärztekongressen und Hausarzttagen sind im Foyer viele Firmen aus der Pharma- und Medizinbranche vertreten, die Werbegeschenke verteilen: Lineale, Bl├Âcke, Radiergummis, Bleistifte, Bonbons, Kugelschreiber. Es sind nicht wirklich Kostbarkeiten, aber f├╝r viele ├ärzte scheinen sie immensen Wert zu besitzen. Mir kam es manchmal vor, als w├Ąre eine Mannschaft Messies auf Betriebsausflug. Auf einer Veranstaltung in Essen griff neben mir ein Arzt mit beiden H├Ąnden in eine Kiste mit Kugelschreibern. Er machte so reiche Beute, dass selbst seine Enkel niemals Mangel an Kugelschreibern leiden werden. ┬źWie viele Praxen haben Sie denn, dass Sie so viele Stifte brauchen?┬╗, fragte ich ihn damals. Er meinte nur: ┬źWieso? Die kosten doch nichts!┬╗ Die Stofftaschen ÔÇô die sie von den Firmen ├╝brigens auch geschenkt bekommen ÔÇô waren gut gef├╝llt an diesem Tag in Essen. Das ist nat├╝rlich zum Schmunzeln. Ich habe aber auch ├Ąrgerlichere Situationen erlebt. Ich habe schon mehrere B├╝cher ├╝ber das Gesundheitssystem und seinen Irrsinn geschrieben. Eins erschien im Verlag meines Mannes. Ende 2013 hat mich unser Steuerb├╝ro darauf aufmerksam gemacht, dass noch viele Buchrechnungen offen seien. Es hat meinem Mann sehr empfohlen, Mahnungen zu schreiben. Ich habe die offenen Rechnungen durchgesehen und gedacht: Da kann jetzt keine Mahnung raus. Denn das waren ├╝berwiegend Bestellungen von ├ärzten, einige davon kenne ich gut! Es w├Ąre besser, das direkt zu kl├Ąren, habe ich gedacht und zum Telefon gegriffen. Mein erster Anruf war bei einem Arzt in M├╝nchen, der vor zehn Monaten ein Buch von mir bestellt hatte. ┬źDa ist noch eine Rechnung offen vom letzten Jahr┬╗, habe ich ihm am Telefon gesagt. Er wusste von keiner Rechnung. ┬źSie haben doch ein Buch bestellt!┬╗ Daran konnte er sich erinnern und pl├Âtzlich auch daran, was mit der Rechnung passiert ist: ┬źDie habe ich weggeschmissen!┬╗ Wie bitte?, dachte ich. ┬źWieso schmei├čen Sie die Rechnung weg?┬╗ Da wurde er pl├Âtzlich ungehalten: ┬źWieso soll ich das Buch bezahlen?┬╗, fragte er.┬źIch lege es doch nach dem Lesen in mein Wartezimmer und mache so Werbung f├╝r Sie! Das bezahle ich nicht!┬╗ Es gibt nicht viele Momente, in denen ich sprachlos bin. Das war einer davon.

Der hat gar nicht geschnallt, worum es geht, und mir das auch noch dreist ins Gesicht gesagt! Er glaubt, er kann einfach ein Buch bestellen und muss es nicht bezahlen! Ich habe ihn ja nicht dazu gezwungen, es zu lesen! Aber leider ist dieser Arzt kein Einzelfall. Aus dem Jahr 2008 gibt es noch einige Hundert Euro an Au├čenst├Ąnden im Verlag meines Mannes, die von ├ärzten und deren Bestellungen meiner Kinderb├╝cher stammen. Wenn ein Arzt zu mir am Telefon sagt, dass er eine Buchbestellung nicht bezahlen will, dann ist das eine Haltung, mit der ich nicht umgehen kann. Da geht es nicht darum, ob er die achtzehn Euro bezahlt. Sondern es geht um genau die Haltung, die ├ärzte einnehmen, den Vorwurf, den sie erheben: dass ihre Leistung nicht ordentlich bezahlt wird! Umgekehrt jedoch lassen sie es nicht gelten! Eine der Erfahrungen, an denen ich lange zu knabbern hatte!

In der ganzen Sache schien es bei vielen ├ärzten keinerlei Unrechtsbewusstsein mehr zu geben. Ich sa├č bei dem oben angef├╝hrten Telefonat fassungslos da, und wenn ich mal sprachlos bin, dann geht es wirklich an die Substanz. Denn wenn ich ├╝berlege, was ich in den letzten Jahren im Umfeld der ├ärzteschaft erlebt habe, kann einem echt die ber├╝hmte Spucke wegbleiben. Wie oft habe ich die Klage geh├Ârt, was wir Patienten uns eigentlich einbilden, uns so gut wie kostenlos von ihnen behandeln zu lassen. Aber dieser Arzt sah, wie vieler seiner Kollegen, den Balken im eigenen Auge nicht. (..)

Fortsetzung folgt ÔÇô mit dem Kapitel: ÔÇťDie Wut der ├ärzteÔÇť

 
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Fortsetzung 12 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

Die Langfinger vom Stamme ┬źNimm┬╗

┬źIch bekomme immer noch zu wenig!┬╗, hat der Doktor gesagt. Dar├╝ber m├╝ssen wir uns ernsthaft Gedanken machen. Wenn ich ├ärztin w├Ąre und h├Ątte einen Patienten, der immer sagt:┬źIch muss mir das nehmen, was mir zusteht!┬╗, w├╝rde ich ihm raten, ├╝ber seine Lebenssituation nachzudenken. Es kann einfach nicht gesund sein, immer zu glauben, dass mir etwas vorenthalten wird! Ich bin aber keine ├ärztin, und es sind komischerweise gerade die ├ärzte, die immer wieder betonen, dass sie nicht bekommen, was sie verdienen. Das scheint sich in den K├Âpfen viel er schon so fest gebissen zu haben, dass ich Situationen erlebt habe, mit denen ich einen ganzen Abenteuerroman ├╝ber die Langfinger vom Stamme Nimm f├╝llen k├Ânnte. Ich habe eine Einladung einer Pharmafirma bekommen, weil die ├ärzte sich ÔÇô nach der Weiterbildung ÔÇô von mir einen Vortrag aus meiner Sicht ├╝ber den wei├čen Tellerrand w├╝nschten! Bei Pharma-Veranstaltungen bekomme ich eigentlich immer Bauchschmerzen und habe ÔÇô bis auf diese ÔÇô jedes Mal Nein gesagt. Aber weil sich die ├ärzte gew├╝nscht haben, dass ich komme, bin ich hingefahren. Das Treffen fand in einem Hotel in Stuttgart statt, es h├Ątte aber genauso gut ein Hotel in der Karibik sein k├Ânnen. Alles sah aus wie in der Raffaello Werbung. Die Tische waren in strahlend wei├če Decken geh├╝llt, und ├╝ber die Terrasse war ein bl├╝tenwei├čes Sonnensegel gespannt. Ich habe zuerst gedacht, dass hier f├╝r eine andere Veranstaltung gedeckt ist. Auf der Einladung stand: ┬źMit kleinem Imbiss.┬╗ Eben kleinere H├Ąppchen oder belegte Br├Âtchen. Mein Mann hatte mich begleitet und meinte zu mir, dass er w├Ąhrend meines Vortrags in die Stadt fahren wolle, um zu Abend zu essen, denn H├Ąppchen sind nicht sein Ding nach einem langen Arbeitstag! Er h├Ątte ruhig bleiben k├Ânnen, denn nach dem Vortrag wurde unter wei├čen Sonnensegeln kr├Ąftig aufgetischt. Es gab ein Drei-G├Ąnge-Men├╝. Zu den angerichteten Tellern kamen ├╝ppige Platten mit Sp├Ątzle, Kroketten, Kartoffeln, Gem├╝se und Fleisch auf die Tische. Zum Nachtisch konnte man zwischen Karamellpudding und Eis w├Ąhlen. Es waren locker hundert ├ärzte anwesend. Nach dem Essen stupste mich mein Tischnachbar an und zeigte auf mein Stuhlbein. Das stand genau auf der Schlaufe seines Rucksacks, und den brauchte er jetzt. ┬źOh, Entschuldigung!┬╗, sagte ich und r├╝ckte zur Seite. Er nahm den Rucksack auf seinen Scho├č, klappte ihn auf und schaute den Tisch entlang zu seinen Kollegen. ┬źSind alle fertig?┬╗, fragte er und bekam allerseits ein Nicken zur Antwort. Dann griff er in den Rucksack, zog drei Tupperboxen raus und begann, stehend Fleisch und Sp├Ątzle von den Platten einzupacken. Ich war etwas ├╝berrascht, dass mein Tischnachbar f├╝r schlechte Zeiten vorsorgen musste. ┬źDas ist das Mittagessen f├╝r morgen. Daf├╝r gibt es ja die Mikrowelle┬╗, meinte er. Als er dann auch noch die Kroketten in seine Boxen schaufelte, siegte in mir die Genie├čerin. ┬źDie k├Ânnen Sie doch nicht mehr warm machen! Die schmecken dann doch wie eingeschlafene F├╝├če!┬╗ Alte Kroketten sind z├Ąh wie Gummi! Aber meinen Kochk├╝nsten wollte er nicht vertrauen und verstaute seine Notration im Rucksack. Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, nach dem Essen ein Buffet zu pl├╝ndern und daf├╝r vorsorglich Tupperdosen mitzunehmen. Aber an dem Tag war ich offensichtlich die Einzige, die sich gewundert hat. F├╝r die anderen war das v├Âllig normal. Als mein Nachbar seine Boxen gez├╝ckt hatte, war das sogar ein Startschuss. Die versammelte Runde war pl├Âtzlich in Bewegung. Einen Tisch weiter tippte einer seine Frau an, und die zog eine Rolle Alufolie aus ihrer Handtasche. Eine ganze Rolle! Wenn Sie das n├Ąchste Mal eine Raffaello – Werbung im Fernsehen sehen, dann m├╝ssen Sie sich nur vorstellen, dass, w├Ąhrend im Vordergrund die wei├č gekleidete Sch├Ânheit der Karibik Highsociety eine Kokoskugel nascht, im Hintergrund eine Gruppe von M├Ąnnern und Frauen Pralinen in Plastikdosen einpackt oder in Alufolie einschl├Ągt. Etwa so sah das damals in diesem wei├č verpackten Stuttgarter Nobelhotel aus. (ÔÇŽ)

Fortsetzung folgt -mit einem ungetr├╝bten Blick auf eine Seite ├╝ber die so mancher Arzt nicht gerne spricht.

 
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Fortsetzung 11 aus meinem Buch “Der goldene Skalp”

(..) Es gibt noch mehr M├Âglichkeiten zu betr├╝gen. Eine beliebte Methode sind Hausbesuche.Ich habe das selber in Abrechnungen gesehen, weil ein paar ├ärzte mir ihre gezeigt haben. Da habe ich dann gemerkt, dass einige ├ärzte anscheinend kaputte Uhren tragen, die bei einer bestimmten Uhrzeit stehen geblieben sind und einfach nicht weiterlaufen wollen. Ab einer bestimmten Uhrzeit gibt es n├Ąmlich mehr Geld. Das sind dann Notf├Ąlle zur Unzeit, wenn der Arzt ab 19 Uhr oder ab 22 Uhr zu einem Patienten muss.F├╝r alle diese Uhrzeiten gibt es nat├╝rlich im EBM eigene Abrechnungsziffern und nachher unterschiedlich viele Euro f├╝r den Einsatz.Der Trick ist also, einfach ├Âfter eine falsche Uhrzeit einzutragen. Wer soll es auch kontrollieren? Wir Patienten sehen niemals eine Rechnung. Nirgendwo ist vermerkt, wann der Arzt bei uns vor der T├╝r steht. Ein Arzt hat mir sogar ganz offen die Strategie erkl├Ąrt: ┬źMan darf es nur nicht ├╝bertreiben┬╗, meinte er. ┬źWenn du ├╝berall um acht hingehst, f├Ąllt das auf!┬╗ Also gibt er von drei Hausbesuchen am Nachmittag einen als Notfall zur Unzeit an. Ich habe damals zu ihm gesagt: ┬źDas ist doch Beschiss!┬╗ Er meinte nur: ┬źWieso Beschiss? Selbst wenn ich beschei├če, bekomme ich immer noch zu wenig f├╝r das, was ich leiste!┬╗ (…)

Fortsetzung folgt: Das nun folgende Kapitel zeigt einen Blick auf Situationen, bei denen ich erst einmal meinen Kopf sch├╝tteln musste, danach konnte ich nur staunen, bis sich am Ende Fassungslosigkeit breit gemacht hat! Egal mit wem ich in ├ärztekreisen sprach, niemand war erstaunt, denn jeder kannte solche Vorg├Ąnge.┬á RH

 
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